Nick Brown von Nikwax im Gespräch: Nachhaltigkeit in der Outdoorbranche

Outdoor & NachhaltigkeitSeit der Veröffentlichung der Greenpeace-Studie “Chemie für jedes Wetter” sind Giftstoffe in der Outdoorbranche wieder ein heißes Thema. Doch welche Veränderungen kann diese jüngste Welle der Empörungs wirklich bewirken? Nikwax-Gründer Nick Brown, der schon vor über einem Jahrzehnt vor PFCs warnte, hat hierzu einiges zu sagen. Ich habe nachgefragt.

hugsforhikers: Nick, die Outdoorbranche vermarktet sich mit dem Bild einer unberührten, heilen Natur. Gleichzeitig gelangen immer mehr Informationen über unökologische Produktionsweisen und giftige Inhaltsstoffe ans Licht. Kann dieser Widerspruch der Branche insgesamt langfristig schaden? Befindet sich die Branche an einem Scheideweg?

Nick Brown: Das Risiko, dass Outdoormarken als scheinheilig oder unverantwortlich eingestuft werden, ist tatsächlich sehr hoch, denn nur wenige Personen innerhalb der Outdoorbranche sind qualifiziert genug und wissen über Chemie und Toxikologie ausreichend bescheid. Daraus ergibt sich der Bedarf externe Berater hinzuzuziehen, die dann möglicherweise von der Chemie-Industrie bezahlt werden. Der Ende letzten Jahres erschienene Bericht von Greenpeace jedenfalls hat das Bewusstsein der Öffentlichkeit für dieses Thema verstärkt, vor allem in den deutschsprachigen Ländern. Nun suchen die Unternehmen nach völlig unabhängigen Beratern, die ihnen dabei helfen sollen ihre Herstellungsmethoden sicherer zu machen. Gerade jetzt hat die gesamte Branche die Möglichkeit, in diesem Bereich neue Wege einzugehen.

Es gibt eine interessante Aufspaltung in zwei Gruppen: Die nordamerikanischen Outdoormarken und die Europäische Outdoorbranche. Wie es so oft der Fall bei umwelttechnischen Themen ist, haben die Europäer die führende Hand wenn es darum geht, offene Debatten in Sachen Umweltverschmutzung durch Chemikalien zu führen. Und sie haben Greenpeace zu diesen Debatten eingeladen. Die Nordamerikaner scheinen hier stark durch die großen Chemieunternehmen beeinflusst, denn sie haben zwar die Umweltverschmutzer eingeladen an der Debatte teilzunehmen, nicht jedoch Greenpeace. Langfristig könnte dies den Ruf der nordamerikanischen Marken in Europa stark schädigen.

Nikwax gibt es seit den 1970er Jahren, das Unternehmen ist in den Umweltkrisen der 1980er Jahre (Ozonloch und FCKW) groß geworden. Seit dem seid ihr eine Art Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit auf dem Gebiet der wasserbasierten Imprägniermittel. Heute setzen viele Firmen der Outdoor-Branche auf ein grünes Image. Sicherlich fühlt ihr euch damit in eurer Firmenphilosophie bestätigt. Aber euer Alleinstellungsmerkmal wird möglicherweise auch geringer, wenn direkte Konkurrenten beginnen sich ebenfalls grün zu vermarkten – unabhängig davon, wie viel Substanz dahinter steckt. Gleichzeitig hört man immer wieder, dass wirklich grüne Unternehmenspolitik nicht immer auch die finanziell richtige Unternehmenspolitik ist. Profitieren grüne Firmen wie Nikwax trotzdem von dem „green consciousness-raising“ in der Öffentlichkeit?

Nick BrownDas wachsende Bewusstsein der Öffentlichkeit ist zweifelsohne für Marken, die grün sind bzw. sich als „grün“ vermarkten, von Vorteil. Allerdings sollten die wichtigsten Behauptungen der Marken durch überprüfbare, öffentlich einsehbare Daten abgesichert sein. Nikwax ist stets bemüht mit allen Angaben so transparent wie möglich zu sein. So werden sämtliche Informationen, die wir erstellen, von unseren ISO Managementsystemen überprüft.

Viele Marken denken, dass die Anbringung eines grünen Etiketts an ihren Produkten, über das sie selbst nicht alles wissen und das darüber hinaus relativ bedeutungslos ist, ihre umwelttechnischen Probleme löst. Bald werden Sie sich allerdings mit dem Problem konfrontiert sehen, dass ihre Produkte von der Regierung verboten werden, wie es z.B. derzeit in Korea der Fall ist*. Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass wir unseren Standpunkt über die Problematik von Fluorkarbon erstmalig im Jahr 2000 zum Ausdruck brachten – also vor 13 Jahren! Heute erhalten wir tatsächlich einen wirtschaftlichen Vorteil daraus, denn die Öffentlichkeit ist hinsichtlich dieses Themas heutzutage weit besser informiert.

Wie schwierig ist der Spagat zwischen nachweisbar umweltfreundlichen und hoch funktionalen Produkten in einer Branche, in der letztendlich doch Chemikalien dominieren?

Es wird immer ein Balanceakt bleiben zwischen der Verwendung von sichereren Chemikalien und denjenigen, die vielleicht einen funktionellen Vorteil, gleichzeitig aber auch einen hohen Risikofaktor mit sich bringen. Wir haben in die Entwicklung unserer PFC-freien Produkte viel Arbeit gesteckt um sicherzustellen, dass sie mindestens genau so gut, wenn nicht sogar besser sind als Pflegemittel auf Fluorkarbon-Basis.

Beachtet man die schlimmen Risiken, welche eine Verwendung von Fluorchemikalien mit sich bringt, so stehen die Vorteile sie nicht zu verwenden klar über den möglichen Vorteilen in funktioneller Hinsicht. Unsere Produkte konkurrieren auch ohne Fluorkarbon auf höchstem Leistungsniveau. Es mag einige Aspekte geben, bei welchen wir schwächer sein mögen, bei anderen sind wir eindeutig stärker. So sind unsere Produkte besonders langlebig und brauchen – anders als bei Fluorchemikalien – keine Aktivierung durch Hitze, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

Wie kaum ein anderes Unternehmen bezieht sich Nikwax auf ihrer Internetseite auf wissenschaftliche Quellen. Sucht ihr auch aktiv den Kontakt zur Wissenschaft? Falls ja, wie weit geht dieser, und was versprecht ihr euch davon? Gibt es vielleicht sogar Synergieeffekte?

Nick Brown: Unsere promovierten Chemiker lesen regelmäßig alle relevanten wissenschaftliche Veröffentlichungen um sicher zu sehen, dass sie über die neusten chemischen Studien informiert sind. So können wir stets mit der richtigen Portion Selbstvertrauen an die sichere Produktion und Verwendung unserer Produkte herangehen. Auch glauben wir, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse, die wir auf unserer Webseite veröffentlichen, wichtige Informationen enthalten, die für den Endverbraucher von Interesse sind.

Auch mit Wissenschaftlern, die aktiv in wissenschaftliche Studien rund um das Thema Toxikologie involviert sind, tauschen wir Informationen aus. Darüber hinaus arbeiten wir an unterschiedlichen Bewertungssystemen, die für Unternehmen verlässlicher und gleichzeitig erschwinglicher sind. Diese von uns entwickelten Messverfahren kommunizieren wir bei Anfrage gerne auch an Dritte.

Was mich an eurer Internetseite beeindruckt ist die Transparenz. Ihr veröffentlicht nicht nur euren ökologischen Fußabdruck, sondern berichtet relativ detailliert über Verpackungsmengen, Wasser- und Energienutzung und erklärt dabei sogar noch die hinter den Daten stehende Methodik. In meinen Augen wird Transparenz in Zukunft immer wichtiger, aber die etablierten Outdoor-Marken trumpfen in dem Bereich nur vereinzelt auf. Viele Firmen sehen die Informationen, die ihr öffentlich Preis gebt, als Geschäftsgeheimnis. Seht ihr da auch ein Risiko, dass eure offene Informationspolitik euren Konkurrenten, die weniger transparent sind, möglicherweise in die Hände spielt?

Wir sehen Datenveröffentlichungen absolut nicht als riskant an – eher das Gegenteil ist der Fall: Wir sind der Meinung, dass die Nicht-Veröffentlichung von Daten dazu führen könnte, dass unsere Angaben unglaubwürdig erscheinen. Indem man Aussagen macht ohne Nachweise dafür zu haben, könnte dies erst recht Fragen aufwerfen – ich selbst würde auch keiner Aussage glauben, die nicht nachgewiesen werden kann. Natürlich kommt es auch vor, dass die Ergebnisse unserer Berichte nicht in die richtige Richtung gehen, doch indem wir unsere Kunden regelmäßig informieren, spornen wir uns selbst dazu an uns weiter zu verbessern.

Wie schätzt ihr die Gefahr von Fluorcarbonen (PFCs) bei euch intern tatsächlich ein? Ist euer Bekenntnis zu PFC-freien Produkten eher eine Vorsichtsmaßnahme im Sinne des Vorsorgegebotes, oder ist es eine Reaktion auf ein eurer Meinung nach konkretes Gesundheitsrisiko?

Schon seit einigen Jahren bin ich um die Verwendung von PFC besorgt. Die Entscheidung diese Chemikalien zu vermeiden traf ich in dem Moment als die ersten Studien veröffentlicht wurden in denen stand, dass die Verwendung von PFC für Endverbraucher sowie für Mitarbeiter äußerst riskant ist. Seitdem bestätigten auch weitere Studien, dass diese Chemikalien eine verstärkte Gefahr für die Gesundheit von Nikwax-Kunden, Mitarbeitern und die Umwelt darstellen.

Was sind eurer Meinung nach die zentralen Herausforderungen für eine nachhaltige Produktion von Funktionstextilien bzw. für deren Imprägnierung, aktuell und in Zukunft?

Wir arbeiten aktiv daran Wege zu finden, Flourkarbon-freie und dennoch langlebige Imprägnierungslösungen auch für die Textilhersteller zu entwickeln, obwohl bislang unserer Fokus ausschließlich in der Entwicklung von Pflegemitteln lag. Bislang machten wir bei diesem Thema die Erfahrung, dass die Aufbringung derartiger Mittel mehr Herausforderungen mit sich bringt als die chemische Formel an sich. Viele arbeiten daran, leistungsstarke Mittel bald verfügbar zu machen, und wir werden jede umweltfreundliche Technologie unterstützen – ganz gleich woher sie kommt.

Die öffentliche Kritik, die Ende letzten Jahres durch die Greenpeace-Kampagne wieder laut wurde, bezieht sich meist auf die Produktion. Dabei wird oft vergessen, dass ein anderes zentrales Problem die Entsorgung ist. Was müssen die Träger und Trägerinnen eurer Produkte hier beachten?

Das Thema Entsorgung bringt mehrere wichtige Bereiche mit sich, die man in Betracht ziehen muss. Erstens und wohl am wichtigsten: aus welchem Material wird die Verpackung hergestellt? Kann sie recycelt oder möglicherweise wiederverwendet werden? Zweitens: wie wurde diese hergestellt, und wurden hierfür recycelte Komponenten verwendet? Drittens: wie wird die Verpackung entsorgt? Und schließlich: ist die Verpackung größer als notwendig? Als ersten Schritt in Sachen Entsorgung sollte man versuchen, die Abfallmengen zu reduzieren.

Von VAUDE und auch von Gore-Tex gab es in der Vergangenheit Versuche, die Kunden zum Recycling zu motivieren, die leider beide aufgrund mangelnden Engagements seitens der Verbraucher gescheitert sind. Um den Spieß daher einmal umzudrehen: Habt ihr bestimmte Hoffnungen oder Erwartungen an die Outdoor-Kundschaft? Fehlt es da an Umweltbewusstsein?

Während es früher wohl eher schwierig war, die Verbraucher dazu zu mehr Recycling zu animieren glaube ich, jetzt die Zeit reif ist dies zu ändern.

Mit wachsender Anzahl von ernstzunehmenden wissenschaftlichen Studien zu Themen wie chemische Sicherheit sowie dank besserer Kommunikation durch Unternehmen wie unseres hoffe ich, dass der Endverbraucher sich mehr bewusst wird, wie sehr er daran teilnehmen kann wenn es darum geht, die Umweltsituation positiv zu beeinflussen. Ich glaube nicht, dass es dem Outdoor-Kunden an Umweltverantwortungsgefühl fehlt. Vielmehr müssen wir als Hersteller dafür sorgen, dass die Information über Themen wie Recycling dem Endverbraucher in einer Weise näher gebracht wird, die das Prozedere so einfach wie möglich darstellt und vor allem deutlich erklärt, warum Recycling so wichtig ist.

Ihr seid eines von sehr wenigen Unternehmen der Branche, die ihr Geschäftsmodell auf Nachhaltigkeit aufbauen. Hand auf’s Herz: Ist Greenwashing eurer Meinung nach ein Thema in der Outdoorbranche?

Auch unsere Branche ist vom so genannten „Greenwashing“ betroffen. Es gibt tatsächlich einige sehr clevere PR Agenturen, welche die Zweifel über die Toxizität von bestimmten PFC-Chemikalien auf dieselbe Art und Weise verwässern wie einst die schädliche Wirkung von Tabak oder sogar den Klimawandel. Es handelt sich hier übrigens um dieselbe PR Agentur, die damals die Probleme von Agent Orange „löste“. Eben diese Agentur wurde jetzt von der Fluorchemikalien-Industrie angeheuert.

Die zerstörerischste Art Greenwashing zu betreiben ist ein einziges Label zu bewerben, das angeblich „grün“ ist allerdings völlig ohne Transparenz. Umweltverantwortung, oder „grün sein“, ist nichts, das sich an- oder ausschalten lässt. Wir sind weder „grün“ noch „nicht grün“. Vielmehr handelt es sich hier um langfristige Verbesserungen, die verlässliche Messmethoden verlangen – und Transparenz!

Nick, vielen Dank für das interessante Gespräch!

*Die Regierung Koreas hat allen Herstellern von Imprägniermitteln aufgetragen ihre Inhaltsstoffe mitzuteilen – und zwar nicht nur im Hinblick auf Fluorkarbone, sondern auch auf andere chemische Zusätze, wie z.B. Lösungsmittel, und darüber hinaus auch Aerosole. Die Anfrage war wohl primär in Bezug auf Hersteller von Imprägniersprays.

3 Kommentare zu Nick Brown von Nikwax im Gespräch: Nachhaltigkeit in der Outdoorbranche

  1. Andreas says:

    Hallo,

    muss zugeben Ihr habt mir hiermit wriklich zu denken gegeben.
    Mein Blog befasst sich mit Outdoor-Sportbekleidung, aber mit diesem Thema hab ich, oder vill. wollte ich auch bisher nicht, auseinandergesetzt.

    Das Nikwax sich nicht nur “Grün” vermarktet, sondern auch die entsprechenden Zahlen und Normen vorlegen kann finde ich scho einmal sehr lobenswert und trotz des Problems, dass andere Hersteller auf den Zug aufspringen und sich das USP schmälert und die Konkurrenz steigt…was bringt mir die beste Outdoor Kleidung, wenn ich die dafür herrliche Natur zerstöre und nicht mehr genießen kann!

    Durch diesen Bericht ist Nikwax nun mehr in meinen Fokus gerutscht und werd mich mit der Thematik und der Firma gerne mehr auseineandersetzen.

    Danke und Gruß,
    Andreas

  2. Jochen says:

    Hallo,

    hatte mich bisher auch noch nicht sooooo mit der Thematik auseinandergesetzt. Man geht ja immer davon aus dass unsere ganzen Test- und Qualitätssiegel eben dafür stehen dass man sich eigentlich keine Gedanken mehr machen muss.

    Gefällt mir jedenfalls, die Einstellung und Offenheit von Nikwax.

    Liebe Grüße
    Jochen

  3. Jessy says:

    Servus aus Kärnten,

    Als allererstes ein festes Lob an deinen Blog, sehr informativ, ehrlich und vor allem authentisch!!
    Ich arbeite selbst in einem Sportgeschäft und wir hatten letzten Monat eine Schulung von Nikwax und danach war ich begeistert von dieser Firma. Die Tatsache, dass dieses Unternehmen als einziger Hersteller von Waschmitteln, einen, von der Queen vergebenen, Preis zum Thema Nachhaltigkeit erhalten hat.
    Nickwax ist ein seltenes Beispiel in der Sportbranche das für die Natur steht.
    Die Menschen betreiben Sport um sich fit und gesund zu halten- doch ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden das sie dies auf Kosten von Mensch und Tier ausüben (Merinowolle, Pelz, ausgebeutete Arbeitskräfte .
    Von daher vielen Dank, lieber Fabian, für deine Aufklärung, sie hilft Einzelhändlern wie mir die Leute etwas zu sensibilisieren.

    ganz liebe Grüße
    Jessy

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