{"id":1418,"date":"2012-01-06T14:12:32","date_gmt":"2012-01-06T13:12:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/?p=1418"},"modified":"2012-01-08T16:44:19","modified_gmt":"2012-01-08T15:44:19","slug":"merinowolle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/2012\/01\/06\/merinowolle\/","title":{"rendered":"Merinowolle &#8211; Naturfaser mit T\u00fccken"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-356\" title=\"Outdoor &amp; Nachhaltigkeit\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/special_sustainability3.jpg\" alt=\"Outdoor &amp; Nachhaltigkeit\" width=\"300\" height=\"193\" \/>In der Outdoorbanche gilt Wolle funktionell als eine der untauglichsten Materialen: Sie ist weder leicht, wasserabweisend noch sonderlich robust. Kunstfasern aus Polyester oder Polyamid (lies: <a href=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/2011\/12\/04\/eoft-plastik\/\">Plastik<\/a>) sind hier \u00fcberlegen. Dennoch feiert die Naturfaser dank Merinoschafen in der Outdoorbranche seit einigen Jahren ein Comeback. Aber die Produktion von Merinowolle ist h\u00f6chst umstritten.<!--more--><\/p>\n<p>Merinoschafe spielen f\u00fcr die Outdoorbranche eine besondere Rolle, weil ihre Wolle ungew\u00f6hnlich fein und d\u00fcnn ist. Sie ist nicht nur weniger kratzig, sondern vor allem f\u00fcr ihre Geruchsneutralit\u00e4t auch nach mehrt\u00e4tigem Tragen ber\u00fchmt. So durfte ich auf dem <a href=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/photography\/gr20\/\">GR20<\/a>, irgendwo zwischen dem Refuge d\u00b4 Ortu di u Piobbu und Haut Asco, einen pensionierten Engl\u00e4nder dabei beobachten wie er einem jungen Spanier ausf\u00fchrlich unter den Achseln roch. &#8220;Doesn&#8217;t smell at all, great stuff&#8221;. Merinowolle verbindet also nicht nur V\u00f6lker, sie verliert dar\u00fcber hinaus auch kaum an Warmhalteverm\u00f6gen, wenn sie durchgeschwitzt ist. Abgesehen von der Robustheit, wo Kunstfasern nach wie vor \u00fcberlegen sind, ist sie also eine vollwerte Naturfunktionsfaser. Auch das macht Merinowolle so beliebt.<\/p>\n<p>Merinoschafe stammen urspr\u00fcnglich aus Nordafrika, haben etwa im 14. Jahrhundert den Weg nach Spanien gefunden (im 18. auch nach W\u00fcrttemberg und Bayern, auch nach Sachsen) und spielen heute haupts\u00e4chlich in Australien und Neuseeland eine gro\u00dfe wirtschaftliche Rolle. Die ertragreichsten Merinos geben bis zu 10kg Wolle im Jahr. Australische Merinowolle macht rund ein Drittel (mit 100 Millionen Schafen) des weltweit gesamten Wollaufkommens aus.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte und grunds\u00e4tzlichste Problem bei der Merinoschafhaltung ist der Parasitenbefall durch Fliegenmaden. Die feucht-warmen, h\u00e4ufig mit Ausscheidungen verschmierten Hautfalten am After der Schafe sind der ideale Brutplatz f\u00fcr die Maden, die die Fliegen zu tausenden ablegen und die das Schaf bei lebendigem Leibe fressen. Ein Befall von Fliegenmaden ist nicht immer t\u00f6dlich, verursacht aber oft schmerzhafte Entz\u00fcndungen in den betroffenen Regionen, auch im Genitalbereich. Bei australischen Merinoschafen ist das Problem ein besonderes, da die Schafe erst durch europ\u00e4ische Siedler nach Down Under gelangt und daher nicht nat\u00fcrlicherweise an das warme Klima angepasst sind. Je w\u00e4rmer das Klima, desto besser die Bedingungen f\u00fcr Fliegenmaden. Das ironische: Auch die f\u00fcr den Madenbefall hauptverantwortliche Fliegenart ist ein Import aus der Kolonialzeit. In Spanien und Nordafrika kommt der Befall durch Fliegenmaden selten bzw. gar nicht vor.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" title=\"Geschorene Merinoschafe in Australien\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/images\/gear\/merinoschafe.jpg\" alt=\"Geschorene Merinoschafe in Australien\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Ein guter Hirte schert seine Schafe, aber er zieht ihnen nicht das Fell \u00fcber die Ohren&#8221;, lautet ein australisches Sprichwort. Die &#8220;australische L\u00f6sung&#8221; f\u00fcr dieses Problem ist allerdings weitaus weniger freundlich. Den L\u00e4mmern werden bis zur achten Woche, ohne Bet\u00e4ubung, entsprechende Hautfalten im After- und Genitalbereich einfach abgeschnitten, in der Regel durch ein hei\u00dfes, extra f\u00fcr diese Prozedur hergestelltes Schnittger\u00e4t. Das sogenannte Mulesing ist in Australien eine allt\u00e4gliche, qualvolle Praxis um dem Befall durch Fliegenmaden vorzubeugen. In Deutschland ist nicht mit dem nationalen Tierschutzgesetz vereinbar und daher verboten. Interessierte mit stabilem Magen seien an dieser Stelle auf die Google-Bildersuche zum <a href=\"http:\/\/images.google.de\/search?tbm=isch&amp;hl=de&amp;source=hp&amp;biw=1280&amp;bih=681&amp;q=Mulesing&amp;gbv=2&amp;oq=Mulesing&amp;aq=f&amp;aqi=g2g-S8&amp;aql=&amp;gs_sm=e&amp;gs_upl=641l2255l0l2383l8l7l0l0l0l0l223l1263l0.5.2l7l0\" target=\"_blank\">Mulesing<\/a> hingewiesen. Die Wunde wird in der Regel nicht bzw. nur durch die Hitze der Klingen verschlossen und muss vernarben. Auf dem nun vernarbten und faltenfreien Gewebe w\u00e4chst in der Folge keine Wolle mehr. Die Fliegenmaden verlieren ihren m\u00f6glichen Brutplatz.<\/p>\n<p>Allein: Eine verl\u00e4ssliche Alternative zum Mulesing gibt es noch nicht. Ein wirksames Insektizit wurde noch nicht entwickelt und andere pr\u00e4ventive Methoden sind ebenfalls umstritten oder noch nicht ausgereift. Tiersch\u00fctzer bef\u00fcrworten daher vehement eine gezielte Zucht der Schafe in Richtung eines geringeren Wollwuchses in den betroffenen Regionen. Laut der Tierschutzorganisation <a href=\"http:\/\/www.peta.de\/web\/schafe.571.html\" target=\"_blank\">PETA<\/a> wurden Merinoschafe jedoch bereits gezielt gez\u00fcchtet um m\u00f6glichst viel Hautfl\u00e4che zu haben, also um m\u00f6glichst viel Wolle tragen zu k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich seien die beschriebenen, \u00fcberfl\u00fcssigen Hautfalten demnach eine Konsequenz dieser Z\u00fcchtungsstrategie. Diese Behauptung wird allerdings z.B. von einer <a href=\"http:\/\/www.hamburger-illustrierte.de\/content\/htm\/tic\/2004\/12\/12\/200412122327.html\" target=\"_blank\">australischen Farmerin in der Hamburger Illustrierten<\/a> bestritten.<\/p>\n<p>Doch Mulesing ist nicht das einzige Problem bei der Schafzucht. Wenn Schafe f\u00fcr die Wollproduktion nicht mehr wirtschaftlich sind, werden sie h\u00e4ufig zu Schlachtereien in den Nahen Osten oder nach Nordafrika geschickt. Zusammengepfercht auf riesigen Frachtschiffen, in miserablen Bedingungen, sterben j\u00e4hrlich zehntausende Merinos auf der wochenlangen \u00dcberfahrt. 6,5 Millionen Schafe z\u00e4hlt der j\u00e4hrliche australische Lebendexport. Etwa zehn Prozent der Tiere verenden w\u00e4hrend des Transports. Sie ersticken an eigenen F\u00e4kalien, verhungern, verdursten, trampeln sich gegenseitig zu tode oder erkranken.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch eine andere Seite der Medaille: Viele australische Schafhirten betreiben gro\u00dfen Aufwand, um ihre tausenden Schafe m\u00f6glichst genau betreuen zu k\u00f6nnen. Mehrmals in der Woche werden die Herden begutachtet, an empfindlichen Stellen wird pr\u00e4ventiv geschoren. Hunde werden trainiert, um kranke Schafe sofort identifizieren zu k\u00f6nnen. Viele Hirten argumentieren auch, dass sie ihren Schafen beim Mulesing so wenig Haut m\u00f6glich entfernen lassen, um keine Wachstumsfl\u00e4che zu verlieren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/baacode.icebreaker.com\/site\/baacode\/index.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1422\" title=\"icebreaker\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/icebreaker.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"297\" target=\"_blank\" srcset=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/icebreaker.jpg 640w, http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/icebreaker-300x139.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Was kann man als Verbraucher also tun? Einzelne Firmen boykottieren? Das ist sicherlich eine L\u00f6sung, die auch bereits Erfoge gezeigt hat. Viele Outdoormarken wie Woolpower verzichten mittlerweile auf Merinowolle, bei denen Mulesing angewandt wurde. Ein besonders positivies Beispiel sind die neuseel\u00e4ndischen Merino-Spezialisten von <a href=\"http:\/\/eu.icebreaker.com\/Icebreaker-Ethics\/how-we-treat-animals,en,pg.html\" target=\"_blank\">Icebreaker<\/a>, bei denen \u00fcber einen Baacode eine <a href=\"http:\/\/baacode.icebreaker.com\/site\/baacode\/index.html\" target=\"_blank\">R\u00fcckverfolgung der Wolle vom Produkt bis zur Farm<\/a> m\u00f6glich ist. <\/p>\n<p>Aber das alleine reicht nicht. Nachdem Australien bereits in 2004 angek\u00fcndigt hatte, das Mulesing schrittweise abzuschaffen, wurde diese Entscheidung Ende 2009 revidiert. Die Australian Wool Innovation (AWI) unterst\u00fctzt Mulesing weiter, da derzeit keine wirtschaftliche Alternative verf\u00fcgbar sei.<\/p>\n<p>Nahezu alle heutigen \u00f6kologischen, medizinischen und tierrechtlichen Probleme in der Tierhaltung sind eine Konsequenz der Massentierhaltung. Und diese ist eine direkte Folge unseres blinden Massenkonsums. Der erste Schritt muss sein, weniger, daf\u00fcr aber bewusster zu kaufen. Wir setzen unn\u00f6tigen Besitz mit Status und Zufriedenheit gleich und kaufen uns so langsam aber sicher in den Ruin. Das muss ein Ende haben. Daf\u00fcr braucht es langfristig nicht weniger als eine Werterevolution. Und das Wissen um tats\u00e4chliche Produktionsbedingungen spielt hierf\u00fcr eine entscheidende Rolle&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Outdoorbanche gilt Wolle funktionell als eine der untauglichsten Materialen: Sie ist weder leicht, wasserabweisend noch sonderlich robust. Kunstfasern aus Polyester oder Polyamid (lies: Plastik) sind hier \u00fcberlegen. Dennoch feiert die Naturfaser dank Merinoschafen in der Outdoorbranche seit einigen Jahren ein Comeback. Aber die Produktion von Merinowolle ist h\u00f6chst umstritten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[89,53,88],"class_list":["post-1418","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-umwelt-nachhaltigkeit","tag-merinowolle","tag-nachhaltigkeit","tag-tierschutz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1418"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1435,"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1418\/revisions\/1435"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}