{"id":1680,"date":"2014-06-21T00:07:08","date_gmt":"2014-06-20T22:07:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/?p=1680"},"modified":"2017-10-16T14:53:13","modified_gmt":"2017-10-16T12:53:13","slug":"rio-20","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/2014\/06\/21\/rio-20\/","title":{"rendered":"Outdoor und Nachhaltigkeit (3) &#8211; Rio +20"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-356\" title=\"Outdoor &amp; Nachhaltigkeit\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/special_sustainability3.jpg\" alt=\"Outdoor &amp; Nachhaltigkeit\" width=\"300\" height=\"193\" \/>Die Neuauflage des &#8220;Erdgipfels&#8221; Rio 20+ scheint gescheitert bevor sie \u00fcberhaupt erst begonnen hat. In einer Nachtschicht haben die teilnehmenden Nationen ein Abschlussdokument schon vor dem eigentlichen Beginn der Verhandlungen verabschiedet. Jetzt soll die Wirtschaft den Karren aus dem Dreck ziehen: Eine neue &#8220;Green Economy&#8221; soll uns aus der Krise f\u00fchren. K\u00f6nnen Unternehmen die Welt retten?<!--more--><\/p>\n<p>\u00dcber hundert Regierungs- und Staatschefs aus der ganzen Welt sind nach Brasilien gereist um zwanzig Jahre nach dem heute legend\u00e4ren &#8220;Erdgipfel&#8221;, der\u00a0Konferenz der Vereinten Nationen \u00fcber Umwelt und Entwicklung (United Nations Conference on Environment and Development; UNCED) 1992, sich erneut gemeinsam \u00fcber unsere K\u00f6pfe hinweg \u00fcber die Zukunft die K\u00f6pfe zu zerbrechen. Damals erschien mit dem Brundtland-Bericht ein bahnbrechendes Dokument, das Politik und Wirtschaft bis heute pr\u00e4gt und den Begriff der <a href=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/2011\/09\/12\/nachhaltige-entwicklung\/\">Nachhaltigkeit<\/a> mitten in die Gesellschaft katapultierte. Und heute?<\/p>\n<p>Man muss kein Zyniker sein, um schon im Voraus lediglich mit leeren Versprechungen und hohlen Floskeln zu rechnen. Immerhin: Wer nichts erwartet, kann auch nicht entt\u00e4uscht werden. Nach der Lekt\u00fcre der ersten Bilanzen, die in allen gro\u00dfen Zeitungen schon die Titelseiten schm\u00fccken, wird schnell klar: Auf die internationale Politik ist in Sachen Umweltschutz kein Verlass. Sie ist zahnlos. Trotz aller Bekundungen in den letzten Jahrzehnten zum Schutz der Artenvielfalt \u201e<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wissen\/umwelt\/2012-06\/un-umweltgipfel-riohttp:\/\/\" target=\"_blank\">hat Europa beispielsweise die H\u00e4lfte der einst vorhandenen V\u00f6gel der Agrarlandschaft verloren<\/a>\u201c.<\/p>\n<h3>Das Scheitern der internationalen Politik<\/h3>\n<p>Und trotz Kyoto, Agenda 21 und anderen Protokollen f\u00fcr die F\u00f6rderung der Nachhaltigkeit ist die CO2-Konzentration in der Atmosph\u00e4re \u00fcber den als kritisch angesehenen Wert von 400 ppm (Teilchen pro Millionen) angestiegen. Die Meere versauern, die B\u00f6den versanden. Die Menschheit wird 2030 im Schnitt doppelt so viel Ressourcen verbrauchen, wie die Erde nachhaltig zur Verf\u00fcgung stellt. Wir werden dann nicht einen, sondern zwei Planeten ben\u00f6tigen (US-Amerikaner ben\u00f6tigen heute bereits sechs). Und schon jetzt ist klar das eines der wichtigsten Ziele der Konferenz, der Umbau des UN-Umweltprogramms UNEP zu einer vollwertigen (lies: teureren) UN-Organisation, nicht erreicht werden wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wwf.de\/themen-projekte\/biologische-vielfalt\/reichtum-der-natur\/der-living-planet-report\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1691\" title=\"Ecological Footprint Index WWF\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/ecofootprint1.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"357\" srcset=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/ecofootprint1.jpg 640w, http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/ecofootprint1-300x167.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a>Zumindest scheinen sich auch die teilnehmenden Nationen dieses Scheitern leise eingestanden zu haben. Denn der vermeintlich neue Weg in eine nachhaltigere Zukunft geht nach dem Abschlussdokument nicht \u00fcber international verbindliche, strenge Umweltauflagen und -regime, sondern \u00fcber eine gr\u00fcne Wirtschaft. So schreibt der Spiegel: &#8220;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/natur\/rio-20-green-economy-ist-die-neue-nachhaltigkeit-a-839710.html\" target=\"_blank\">Der internationale staatliche Natur- und Klimaschutz ist grandios gescheitert. Es w\u00e4re fahrl\u00e4ssig, weiter auf ihn zu setzen.<\/a>&#8221;<\/p>\n<p>Ein Stichwort ersetzt das andere. \u201eNachhaltigkeit\u201c ist, gemessen an den 1992 entwickelten Ideen, ein grandioser Fehlschlag (siehe: \u201e<a href=\"http:\/\/www.nature.com\/news\/earth-summit-rio-report-card-1.10764\" target=\"_blank\">Earth Summit Report Card<\/a>\u201c) \u2013 und \u201eGreen Economy\u201c klingt schon vom Namen her vielversprechend nach der eierlegenden Wollmilchsau. Vor 20 Jahren kreisten die Debatten zumindest teilweise noch um weniger Wachstum, Grenzen des Wachstums oder andere Formen des Wachstums, heute soll Wachstum einfach die Welt retten.<\/p>\n<p>Wirklich \u00fcberraschend ist das nicht. Ein wirkliches Umdenken hatte auch nachhaltige Entwicklung im Kern nie gefordert, denn auch hier werden \u00f6kologische und soziale Probleme versucht mit den Methoden zu l\u00f6sen, die sie geschaffen haben. Ressourcen unterliegen einem der wesentlichen dem Prinzipien der klassischen National\u00f6konomie: der Knappheit. Diese Knappheit kann innerhalb dieses Theorems nur durch Wachstum \u00fcberwunden werden. Aus diesem Grundverst\u00e4ndnis heraus ist nachvollziehbar, wieso sich die an Rio anschlie\u00dfenden Diskussionen nicht um die gesellschaftlichen Naturverh\u00e4ltnisse drehten, sondern um Effizienz. Never change a running system.<\/p>\n<h3>Die Welt gr\u00fcn konsumieren?<\/h3>\n<p>Nun sollen sich Umweltsch\u00fctzer also in Zukunft nicht nur mit der Bundesregierung, der EU oder der UN besch\u00e4ftigen, sondern zus\u00e4tzlich mit BP, Coca Cola oder Nestl\u00e9. Dieser Schritt erfordert ein Umdenken alle Beteiligten. Insbesondere aber die Rolle von Unternehmen muss grunds\u00e4tzlich \u00fcberdacht werden. Die Idee, \u00f6kologische Probleme \u00fcber die globale Wirtschaft zu l\u00f6sen, ist jedoch keinesfalls neu.<\/p>\n<p>Ernst-Ulrich von Weizs\u00e4cker ver\u00f6ffentlichte 1995 eines der bekanntesten Beispiele f\u00fcr den Versuch der Vereinbarung von \u00d6konomie und \u00d6kologie. In \u201eFaktor vier\u201c wurden Konzepte wie die \u00d6kosteuer oder Effizienzrevolutionen angedacht. F\u00fcr Weizs\u00e4cker war klar, dass der Weg einer nachhaltigen Entwicklung nur dann erfolgreich begangen werden k\u00f6nnte, wenn in der Wirtschaft die tats\u00e4chlichen Preise der Produkte gehandelt werden w\u00fcrden \u2013 also auch die vom Produkt durch Produktion, Konsum und Entsorgung verursachten Umweltkosten mit bezahlt werden m\u00fcssen. Eine konkretere Konzeptualisierung dieses Ansatzes blieb jedoch aus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Rio +20\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/rio+20logo.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"217\" \/><\/p>\n<p>Das hat sich nun ge\u00e4ndert. Ein zentrales Konzept in Rio +20 ist das der \u00d6kosystem-Dienstleistungen. Hinter dieser Idee steckt zun\u00e4chst nichts anderes als der Versuch allen nat\u00fcrlichen Dienstleistungen, wie die Bereitstellung sauberer Atemluft, sauberen Trinkwassers, fruchtbaren Bodens etc., einen Wert zuzuschreiben. W\u00e4lder, Korallenriffe, S\u00fcmpfe und Gletscher bekommen so neben ihrem \u00f6kologischen auch einen \u00f6konomischen Wert. Anhand dieses Wertes kann mit komplizierten Rechnungen dann kalkuliert werden, welchen negativen Einfluss ein jedes Produkt auf diese Dienstleistungen hat. Wer sogenanntes Naturkapital nutzt, soll daf\u00fcr zahlen. Wer es hingegen freiwillig sch\u00fctzt, soll daf\u00fcr belohnt werden. Auf diese Weise sollen langfristig Kostenanreize geschaffen und eine \u00f6kologische Wirtschaft \u00f6konomisch lukrativ gemacht werden.<br \/>\nUnternehmen sollen nun so detailliert wie m\u00f6glich die \u00f6kologischen Fu\u00dfabdr\u00fccke ihrer Produkte berechnen und dieses so weit wie m\u00f6glich verringern. Die Green Economy soll ihnen daf\u00fcr Planungssicherheit bieten. Der Spiegel schreibt weiter, der Wirtschaft sei daran gelegen, \u201e<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/natur\/rio-20-green-economy-ist-die-neue-nachhaltigkeit-a-839710.html\" target=\"_blank\">sich langfristig und nachhaltig den Zugang zu Ressourcen zu sichern. Oftmals haben gerade privatwirtschaftliche Firmen jene langfristigen Zeithorizonte, die der Natur- und Klimaschutz braucht<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>Dieser Satz steht sinnbildlich f\u00fcr den Optimismus, den dieses Konzept ben\u00f6tigt. Von der unfreiwillig sarkastischen Verwendung des Wortes \u201enachhaltig\u201c in diesem Zusammenhang einmal abgesehen: Ist es nicht die gleiche Wirtschaft, der wir noch vor kurzem gnadenlos kurzfristiges Shareholder-Value denken und die r\u00fccksichtslose Verg\u00f6tterung von Quartalsberichten vorgeworfen haben?<\/p>\n<h3>Kleine Schritte<\/h3>\n<p>Letztendlich steht Rio +20 f\u00fcr resignierenden Pragmatismus. Es ist das Eingest\u00e4ndnis, dass mit gro\u00dfen Ideen h\u00f6chstens kleine Ver\u00e4nderungen erreicht werden k\u00f6nnen \u2013 und gleichzeitig der Versuch, mit kleinen Ideen m\u00f6glichst gro\u00dfe Verbesserungen zu realisieren. Und so sucht man nach dem Verursacher- oder dem Vorsorgeprinzip im Abschlussdokument vergebens, daf\u00fcr jedoch ist die Rede von Wachstumsimpulsen durch eine \u00f6kologische Modernisierung.<\/p>\n<p>Eine gr\u00fcne \u00d6konomie im Sinne von Cap &amp; Trade und einer preislichen Ber\u00fccksichtigung von \u00d6kosystemdienstleistungen ist demnach die beste schlechteste L\u00f6sung, die wir derzeit haben. \u201e<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2012-06\/wachstum-bremsen-binswanger\" target=\"_blank\">Wenn Ressourcen effizienter genutzt werden, die Wirtschaft aber weiter w\u00e4chst, wird das Wachstum die Einsparungen \u00fcberkompensieren. Das ist wahrscheinlich, weil die wachsende Effizienz selbst das Wirtschaftswachstum antreibt.<\/a>\u201c<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Adam Smiths ber\u00fchmte unsichtbare Hand des Marktes bekommt nun einen gr\u00fcnen Daumen. Es ist die Abkehr von gro\u00dfen Umwelt- und Klimaschutzzielen der Politik und der Griff nach dem letzten Strohhalm; aus Plastik, mit Coca-Cola Nachgeschmack und in McDonald\u2019s-Farben. Die unsichtbare Hand ist und bleibt eben eines: unsichtbar. Oder?<\/p>\n<p>Im zitierten Spiegel-Artikel wird schlie\u00dflich Bezug auf die ber\u00fchmte Patagonia-Kampagne genommen. Mit dem ungew\u00f6hnlichen Slogan \u201e<a href=\"http:\/\/www.patagonia.com\/email\/11\/112811.html\" target=\"_blank\">Kauft diese Jacke nicht<\/a>\u201c versuchten die Kalifornier vor einigen Monaten \u00fcber die Umweltauswirkungen ihrer Funktionsjacken aufzukl\u00e4ren. Eine so geniale wie ironische Werbekampagne. Am \u00f6kologischsten sinnvoll w\u00e4re es nat\u00fcrlich, Modetrends zu durchbrechen und davon Abstand zu nehmen, jedes Jahr neue Kollektionen produzieren zu m\u00fcssen und sich stattdessen auf wenige, langlebige Produkte zu konzentrieren. \u00d6konomisch w\u00e4re das jedoch der Untergang des Unternehmens.<\/p>\n<p>Und weiter: Outdoor-Ausr\u00fcstung ist teuer. W\u00fcrde alles beanspruchte Naturkapital ebenfalls in die Preise mit einflie\u00dfen, w\u00fcrden diese selbstverst\u00e4ndlich weiter steigen. Angesichts der aktuellen Preissituation in der gesamten Branche wird dabei das grunds\u00e4tzliche Problem der Green Economy sichtbar: Sie ist in ihren Anf\u00e4ngen (nicht langfristig) abh\u00e4ngig von Konsumenten, die sich \u00f6kologisch produzierte Produkte leisten k\u00f6nnen und wollen. Ob diese Strategie also krisenfest ist, darf bezweifelt werden.<\/p>\n<h3>Was also tun?<\/h3>\n<p>Erst haben wir die Probleme regelrecht herbeikonsumiert, und nun sollen wir sie wegkonsumieren. Das ist verwirrend, zugegeben. Also bleibt zun\u00e4chst nur eines: Entscheidungen treffen. Muss es wirklich schon wieder eine neue Jacke, der dritte Windstopper, die siebte Hose sein? Falls ja, gib es immerhin zunehmend echte Alternativen. Die Tettnanger Firma VAUDE beispielsweise ist seit kurzem <a href=\"http:\/\/www.vaude.com\/de_DE\/klimaneutralitaet.asp\" target=\"_blank\">klimaneutral<\/a> \u2013 als erstes Unternehmen der Outdoorbranche. Das macht Hoffnung, denn es weist den kurzfristig richtigen Weg in die Zukunft: Gr\u00fcne Entscheidungen treffen. Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen. F\u00fcr VAUDE mag das bedeuten ein Selbstverst\u00e4ndnis als \u201e<a href=\"http:\/\/www.vaude.com\/de_DE\/umweltschutz.asp\" target=\"_blank\">\u00d6ko-Trendsetter<\/a>\u201c zu entwickeln und in ihrem Rahmen das M\u00f6glichste f\u00fcr eine gr\u00fcne \u00d6konomie zu tun.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns Konsumenten mag es bedeuten Unternehmen, die diese neuen Wege gehen, nach unseren M\u00f6glichkeiten zu unterst\u00fctzen. Wir sollten uns entscheiden, lieber auf neuen Wegen zu stolpern, als auf alten Pfaden auf der Stelle zu treten. All das ersetzt sicherlich kein internationales Umweltabkommen, und irgendwann werden wir auch \u00fcber ein alternatives Wirtschaftsmodell nachdenken m\u00fcssen. Aber wir k\u00f6nnen es uns nicht leisten l\u00e4nger zu warten.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen das Heft in die Hand nehmen. Wir m\u00fcssen endlich beginnen \u00f6kologischere Entscheidungen treffen. Wir m\u00fcssen \u00d6ko-Trendsetter werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Neuauflage des &#8220;Erdgipfels&#8221; Rio 20+ scheint gescheitert bevor sie \u00fcberhaupt erst begonnen hat. In einer Nachtschicht haben die teilnehmenden Nationen ein Abschlussdokument schon vor dem eigentlichen Beginn der Verhandlungen verabschiedet. Jetzt soll die Wirtschaft den Karren aus dem Dreck ziehen: Eine neue &#8220;Green Economy&#8221; soll uns aus der Krise f\u00fchren. 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