{"id":886,"date":"2011-08-30T00:08:39","date_gmt":"2011-08-29T22:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/?p=886"},"modified":"2011-11-16T09:45:55","modified_gmt":"2011-11-16T08:45:55","slug":"verkehrte-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/2011\/08\/30\/verkehrte-welt\/","title":{"rendered":"Weltkarten und Weltbilder (1): Verkehrte Welt"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/images\/map_globe.png\" alt=\"Verkehrte Welt\" align=\"left\" border=\"0\" \/>Ich gehe eine Wette ein: Alle, die diesen Blog lesen, haben oder hatte eine Weltkarte an der Wand h\u00e4ngen und ertappen sich dabei, wie sie \u00fcber ferne L\u00e4nder an den Kartenr\u00e4ndern philosophieren. Auch bei mir hing so eine Karte an der Wand. Unser Weltbild wurde und wird entscheidend durch Weltkarten gepr\u00e4gt. Denkt man. Die Wahrheit ist, dass Weltbilder auch unsere Weltkarten pr\u00e4gen.<!--more--><\/p>\n<p>Wie das funktioniert kann man sich leicht vor Augen f\u00fchren, indem man eine Weltkarte einfach umdreht. Auf der unten zu sehenden Hobo-Dyer-Projektion sieht die Welt irgendwie komisch aus, da ist alles voller Wasser in der Mitte, Europa ist pl\u00f6tzlich unten, nein, das kann nicht stimmen. Aber eine umgedrehte Weltkarte ist genauso korrekt wie jede andere auch. Die Welt ist eine Kugel, es gibt kein oben und kein unten. Wir assoziieren Norden mit &#8220;oben&#8221; und S\u00fcden mit &#8220;unten&#8221; nicht deshalb, weil es einfach so ist, sondern weil wir es uns auf den Karten so eingerichtet haben. Dass die Welt rund ist, wissen mittlerweile die meisten. Dass die Oberfl\u00e4che einer runden 3D-Kugel aber nur verzerrt auf einer 2D-Fl\u00e4che, auf einer Karte, dargestellt werden kann, wissen schon etwas weniger. Es kann beispielsweise entweder die Form oder die Gr\u00f6\u00dfe der Kontinente korrekt dargestellt werden, aber nie beides. Und dass diese verzerrten Weltkarten hochgradig politisch sind ist wahrscheinlich nur den wenigsten wirklich bewusst.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-896 alignleft\" title=\"Hobo-Doyer-Projektion\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/images\/map_hobodyer.jpg\" alt=\"Hobo-Doyer-Projektion\" width=\"640\" height=\"321\" srcset=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/map_hobodyer.jpg 640w, http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/map_hobodyer-300x150.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Die meisten Karten, die wir in den Nachrichten und in Lehrb\u00fcchern sehen, sind sogenannte Mercatorprojektionen. Sie gehen auf den Kartographen Gerhard Mecator zur\u00fcck, der 1569 eine solche Karte zum Zwecke der Navigation auf See entwickelt hat. Entsprechend der damaligen Tradition der Kartenmacher wurde das Heimatland des Kartographen in die Mitte gesetzt. Mercator war Deutsch. Gl\u00fcck gehabt. Der gro\u00dfe Vorteil der Mercatorprojektion ist, dass auf ihnr eine gerade Linie zur Navigation gezogen werden kann: Sie ist eine winkeltreue Abbildung der Erdoberfl\u00e4che. Um dieses zu erreichen wird, grob gesagt, die Oberfl\u00e4che der Erdkugel auf eine Zylinderform projiziert. Das aber hat zur Folge, dass die Karte zwar formtreu, gleichzeitig aber weder fl\u00e4chen- noch linientreu ist. Sie ist also insgesamt verzerrt, die Form der Kontinente stimmt jedoch. Heute kann man Mercatorkarten in jedem Buchladen kaufen, und auch Google Maps oder andere Online-Dienste greifen auf sie zur\u00fcck:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-897\" title=\"Mercatorprojektion\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/images\/map_mercator.jpg\" alt=\"Mercatorprojektion\" width=\"640\" height=\"542\" srcset=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/map_mercator.jpg 640w, http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/map_mercator-300x254.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Doch was hat das mit Politik, was haben Weltkarten mit Weltbildern zu tun? Eine erste Antwort auf diese Fragen liefert das sogenannte &#8220;Gr\u00f6nland-Problem&#8221;. Auf der Mercatorprojektion hat Gr\u00f6nland eine mit Afrika vergleichbare Gr\u00f6\u00dfe. Tats\u00e4chlich aber ist Afrika 14-mal so gro\u00df wie Gr\u00f6nland. \u00dcbereinander geschoben w\u00fcrde Gr\u00f6nland Marokko, Algerien, Mauretanien und einen Teil Malis \u00fcberdecken, also grob ein Drittel der Sahara. In Medien und Reiseliteratur wird sehr h\u00e4ufig von Afrika im Singular gesprochen. Dann ist von &#8220;afrikanischer&#8221; Kultur oder den &#8220;afrikanischen&#8221; Gegenbenheiten die Rede. Diese Verallgemeinerungen sind auch deswegen so weit verbreitet, weil viele gar nicht wissen, <a href=\"http:\/\/flowingdata.com\/2010\/10\/18\/true-size-of-africa\/\" target=\"_blank\">wie gro\u00df der Kontinent Afrika tats\u00e4chlich ist<\/a> (so gro\u00df wie Zentraleuropa, die USA, Indien und China zusammen). Und wie unterschiedlich: Allein in <a href=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/2011\/08\/20\/der-eigene-horizont\/\">Burkina Faso<\/a>, zum Beispiel, leben ein halbes Dutzend unterschiedlicher Ethnien mit jeweils eigener Architektur, Sprache, usw. Insgesamt werden in dem westafrikanischen Land rund 60 Sprachen gesprochen. Aber auch Europa erscheint auf der Mercatorprojektion doppelt so gro\u00df wie S\u00fcdamerika, hat aber nur die H\u00e4lfte der Landfl\u00e4che. Sogar Skandinavien wirkt drei mal so gro\u00df wie Indien.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr ist, dass die Mercatorprojektion Gebiete in N\u00e4he zu den Polen stark vergr\u00f6\u00dfert und Gebiete in N\u00e4he zum \u00c4quator stark verkleinert darstellt. Daher wird dar\u00fcber hinaus, um Platz zu sparen, wiederum wird ein Teil der \u00fcbergro\u00df dargestellten Antarktis abgeschnitten. Das hat zur Folge, dass die n\u00f6rdliche Hemisph\u00e4re auf der Mercatorprojektion zwei Drittel der Kartenfl\u00e4che einnimmt und die s\u00fcdliche Hemisph\u00e4re somit nur ein Drittel. Und hier kommt das Politische ins Spiel. Denn psychologische Studien zeigen, dass Menschen Wichtigkeit nicht nur mit Gr\u00f6\u00dfe, sondern bei Darstellungen auch mit dem Zentrum assoziieren. Europa erscheint auf der Mercator-Weltkarte besonders wichtig, es ist vergr\u00f6\u00dfert und in die Mitte der Welt ger\u00fcckt. Auch der Norden insgesamt scheint wichtiger als der S\u00fcden, er ist mittiger und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfer. Somit r\u00fcckte Europa nicht nur auf der, sondern auch durch die Mercator-Weltkarte ins Zentrum unseres Weltbildes.<\/p>\n<p>Die Mercatorprojektion ist untrennbar verwoben mit dem kolonialen, eurozentrischen Weltbild. Sie hat sich Ende des 19. Jahrhunderts etabliert, in der Hochphase des europ\u00e4ischen Imperialismus, als sich die europ\u00e4ische Macht fast \u00fcber den ganzen Planeten erstreckte. Wer die Macht hat, macht die Karten, um es mit den Worten des Geographen John Brian Harley zu sagen. Heute spricht man in Bezug zu Industrie- und Entwicklungsl\u00e4ndern h\u00e4ufig vom &#8220;Nord-S\u00fcd-Konflikt&#8221;. Auch hier begegnet uns das alte Symbol vom gesellschaftlichen &#8220;oben&#8221; und &#8220;unten&#8221; und allen damit verbundenen Assoziationen wieder. Daher \u00fcberrascht es wenig, dass die erste fl\u00e4chentreue Karte erst 1973, dreihundert Jahre nach Mercator, ver\u00f6ffentlicht wurde: Durch die Peterprojektion wird eine fl\u00e4chentreue Weltkarte m\u00f6glich. Selbstverst\u00e4ndlich ist auch sie verzerrt, formverzerrt um genau zu sein, aber die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse der Kontinente werden korrekt dargestellt. Sie wird bis heute haupts\u00e4chlich von Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit wie UNICEF oder UNESCO popularisiert, und Willy Brandt machte sie 1977 zum Wahrzeichen seiner Nord-S\u00fcd-Kommission f\u00fcr Internationale Entwicklungsfragen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-898\" title=\"Petersprojektion\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/images\/map_peters.jpg\" alt=\"Petersprojektion\" width=\"640\" height=\"408\" srcset=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/map_peters.jpg 640w, http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/map_peters-300x191.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Einen \u00e4hnlichen Eurozentrismus gibt es auch in der Topographie. Dort werden h\u00f6her gelegene Gebiete in der Regel dunkler (meist braun), tiefer liegende Gebiete heller (meist gr\u00fcn) eingef\u00e4rbt. Diese Farbgebung wird in Atlanten selbstverst\u00e4ndlich auf die ganze Welt \u00fcbertragen. Dabei stimmt sie nur f\u00fcr Europa. In Teilen Afrika beispielsweise ist es h\u00e4ufig genau umgekehrt, in Gebirgen gibt es \u00fcppige Vegetation und es ist es gr\u00fcn, das Tiefland aber ist \u00d6dland. Die Peterprojektion l\u00f6st dieses Problem, indem sie ver\u00e4nderte Helligkeit f\u00fcr H\u00f6henunterschiede und die verschiedenen Farben f\u00fcr Vegetationsunterschiede nutzt.<\/p>\n<p>Wer also gern beim Anblick einer Weltkarte \u00fcber die R\u00e4nder der Welt philosophiert, sollte nicht vergessen, dass ihre Macher auch \u00fcber die Welt philosophierten. Eine Weltkarte sagt genauso viel \u00fcber ihre Kartographen, wie die Kartographen \u00fcber die Welt sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am besten man kauft einfach einen Globus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gehe eine Wette ein: Alle, die diesen Blog lesen, haben oder hatte eine Weltkarte an der Wand h\u00e4ngen und ertappen sich dabei, wie sie \u00fcber ferne L\u00e4nder an den Kartenr\u00e4ndern philosophieren. Auch bei mir hing so eine Karte an der Wand. Unser Weltbild wurde und wird entscheidend durch Weltkarten gepr\u00e4gt. Denkt man. 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