{"id":947,"date":"2011-09-12T15:51:17","date_gmt":"2011-09-12T13:51:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/?p=947"},"modified":"2011-11-01T12:55:37","modified_gmt":"2011-11-01T11:55:37","slug":"nachhaltige-entwicklung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/2011\/09\/12\/nachhaltige-entwicklung\/","title":{"rendered":"Nachhaltige Entwicklung &#8211; Entdeckungsreise zum Ursprung eines Leitbildes"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-356\" title=\"Outdoor &amp; Nachhaltigkeit\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/blog\/wp-content\/uploads\/special_sustainability3.jpg\" alt=\"Outdoor &amp; Nachhaltigkeit\" width=\"300\" height=\"193\" \/>Nachhaltigkeit ist in aller Munde, kaum ein anderes Wort hat eine erfolgreichere Karriere vorzuweisen. Ob Graswurzelorganisationen, Parteien oder globale Gro\u00dfkonzerne: Alle beziehen sich gleicherma\u00dfen positiv auf dieses Konzept. Von A wie Autobahnen bis Z wie Zinsertr\u00e4ge von Geldanlagen, heutzutage ist alles nachhaltig. Aber was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich, und wie wurde es zum globalen Leitbild?<!--more--><\/p>\n<p>Die Wurzeln des Begriffes der Nachhaltigkeit und das grunds\u00e4tzliche Denken \u00fcber eine langfristige Nutzung von Ressourcen gehen insbesondere zur\u00fcck auf Hans Carl von Carlowitz\u2018 &#8220;Sylvicultura oeconomica &#8211; Anweisung zur wilden Baumzucht&#8221; aus dem Jahr 1713, einer der ersten forstwissenschaftlichen Arbeiten, die eine vorausschauende Nutzung des Holzbestandes forderte (1). Carlowitz nahm einige Kritikpunkte der heutigen Nachhaltigkeitsdiskussion bereits vorweg, indem er Holzverk\u00e4ufern kurzfristiges, profitorientiertes Denken und eine Nichtbeachtung der langfristigen Folgen ihres Handelns vorwarf. Ein Grund daf\u00fcr war, dass der franz\u00f6sischen Marine unter K\u00f6nig Ludwig XIV. zuvor das Holz f\u00fcr neue Schiffe ausging. Dementsprechend forderte er eine Gleichheit von Holzeinschlag und -nachwuchs, damit die Nutzung &#8220;immerw\u00e4hrend&#8221;, &#8220;continuirlich&#8221; und &#8220;perpetuirlich&#8221; stattfinden k\u00f6nne. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-356\" title=\"Hans Carl von Carlowitz\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/images\/nachhaltigkeit_carlowitz.jpg\" alt=\"Hans Carl von Carlowitz\" \/>In diesem Zusammenhang sprach Carlowitz erstmalig von nachhaltender Nutzung des Waldes. Diese wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts als sp\u00e4te Folge der Aufkl\u00e4rung neu gedacht: Der Wald wurde vermessen und statistisch erfasst \u2013 er wurde zum Forst. Die in der Folge entworfene &#8220;nachhaltende Forstwirtschaft&#8221; verbreitete sich l\u00e4nder\u00fcbergreifend schnell unter dem Laben der &#8220;Sustained Yield Forestry&#8221;, und beschreibt die Verpflichtung jeder Generation, in hohem Ma\u00dfe Ressourcen f\u00fcr die n\u00e4chste zu bewahren. Damit erinnert sie schon fr\u00fch an die heute ber\u00fchmte Definition des Brundtland-Berichts.<\/p>\n<p>Bis zum Erscheinen des Brundtland-Berichts 1987 war das Wort &#8220;Sustainability&#8221; jedoch nicht in der englischen Sprache etabliert. Bis dahin kannte das W\u00f6rtberbuch lediglich das aus der Forstwirtschaft stammende Wort &#8220;sustained&#8221;. Nach der Definition des heutigen Oxford Dictionary bedeutet &#8220;Sustainable&#8221; das Beibehalten einer \u00f6kologischen Balance um eine Ersch\u00f6pfung der Ressourcen zu vermeiden, und wird in der deutschen Literatur nicht ganz eindeutig mit &#8220;dauerhaft&#8221; (im Brundtland-Bericht), &#8220;zukunftsf\u00e4hig&#8221; (in der Studie Zukunftsf\u00e4higes Deutschland), &#8220;langfristig&#8221; bzw. &#8220;anhaltend&#8221; (im Langenscheidt-Lexikon), &#8220;tragf\u00e4hig&#8221; \u2013 oder eben mit &#8220;nachhaltig&#8221; wiedergegeben. Der Begriff Nachhaltigkeit, heute eines der meist benutzten W\u00f6rter im \u00f6ffentlichen Diskurs um Wirtschaft und Umwelt, hat sich also \u00fcber dem Umweg der Englischen Sprache aus der &#8220;nachhaltenden&#8221; Forstwirtschaft entwickelt.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Wahrnehmung der \u00f6kologischen Probleme Ende der 1960er bzw. Anfang der 1970er Jahre und der damit einhergehenden Erkenntnis, dass diese bisher unbekannte Dimensionen angenommen haben und entsprechend auch nur international-kooperativ  bearbeitet werden k\u00f6nnen, etablierte sich der Begriff der Nachhaltigkeit im Sprachgebrauch der internationalen Politik. Das Nachhaltigkeitsdenken ist nun nicht mehr auf den Forst begrenzt. Vielmehr geht es um die Suche nach einem neuen Weltsystem. Vor allem durch den Bericht des Club of Rome (\u201eDie Grenzen des Wachstums\u201c, 1972) und der Weltkommission f\u00fcr Umwelt und Entwicklung (\u201eUnsere gemeinsame Zukunft\u201c, kurz Brundtland-Bericht, 1987) werden die Themenbereiche Umwelt und Entwicklung im Konzept der nachhaltigen Entwicklung verkn\u00fcpft. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-356\" title=\"Gro Harlem Brundtland\" src=\"http:\/\/hugsforhikers.com\/images\/nachhaltigkeit_brundtland.jpg\" alt=\"Gro Harlem Brundtland\" \/>Bis heute wird in den meisten Publikationen zum Thema die Definition des Brundtland-Berichtes zitiert: &#8220;Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bed\u00fcrfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, da\u00df k\u00fcnftige Generationen ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse nicht befriedigen k\u00f6nnen&#8221; (2). In Folge der Konferenz der Vereinten Nationen \u00fcber Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (der \u201eErdgipfel\u201c, 1992) avancierte der Begriff schlie\u00dflich zum neuen globalen Leitbild und manifestierte sich im Weltgipfel f\u00fcr nachhaltige Entwicklung in Johannesburg (2002) als siebtes Millennium-Entwicklungsziel der Vereinten Nationen.<\/p>\n<p>Wesentlich f\u00fcr den rasanten Aufstieg des Nachhaltigkeitsbegriffes war eine zentrale Erkenntnis aus der entwicklungspolitischen Diskussion. Insbesondere das Ozonloch, die \u00d6lkrise und eine immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Industrie- und Entwicklungsl\u00e4ndern ersch\u00fctterten den Gedanken, dass letztere das westlich-industrielle Wirtschaftsmodell lediglich nachahmen m\u00fcssten, um ebenfalls Wohlstand zu erreichen. Denn bereits im sp\u00e4ten 20. Jahrhundert verbrauchten 20 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung 80 Prozent aller Ressourcen. Mindestens sechs Planeten br\u00e4uchten wir also. Wir haben nur einen. <\/p>\n<p>Eine &#8220;nachholende&#8221; Entwicklung erwies sich somit als nicht tragf\u00e4hig und wurde folgerichtig durch das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung abgel\u00f6st. Die in das \u00f6ffentliche Bewusstsein vordringende \u00f6kologische Krise war und ist auch eine Krise des vorherrschenden Industrialisierungsmodells, das auf Basis der Vorstellung von nahezu unendlich verf\u00fcgbaren Ressourcen (bzw. ihrer Ersetzbarkeit durch Technologie) umweltsch\u00e4digende Aspekte zugunsten des Wachstumsimperativs kaum beachte.<\/p>\n<p>Doch in diesem Zuge hat der Begriff der Nachhaltigkeit eine fundamentale Ver\u00e4nderung erfahren. In den &#8220;Grenzen des Wachstums&#8221; ist die Rede von einer &#8220;wachstumsfreien, aber keineswegs entwicklungslosen&#8221; (3) Gesellschaft. Die auf einem Computermodell basierende Studie erzielte wesentliche Ergebnisse: Erstens w\u00fcrden bei unver\u00e4nderter Wirtschaftsentwicklung die \u00f6kologisch absoluten Grenzen des Wachstums innerhalb der kommenden hundert Jahre erreicht werden. Zweitens sei eine Einflussnahme auf diese Tendenz und die Herstellung eines zukunftsf\u00e4higen Gleichgewichtszustandes grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich. Drittens sei die Aussicht auf Erfolg h\u00f6her, je fr\u00fcher die Menschheit versuchen w\u00fcrde, diesen Zustand zu erreichen. <\/p>\n<p>Bereits in der Einleitung des Brundtland-Berichtes jedoch wird von &#8220;keinen absoluten Grenzen&#8221; mehr gesprochen. Vielmehr geht es nun um &#8220;dauerhaftes Wachstum&#8221; (2). Grenzen des Wirtschaftswachstums seien nur durch technologische und organisatorische Defizite gesetzt, nicht zwingend durch \u00f6kologische. Dem Bericht liegt eine optimistische Vorstellung einer Wirtschaft zugrunde, die ihre Grenzen prinzipiell \u00fcberwinden und damit theoretisch unbegrenzt expandieren kann.<\/p>\n<p>Hier ist, scheinbar unbemerkt, etwas Bemerkenswertes passiert. Die \u00f6kologische Balance in der Idee der Nachhaltigkeit wurde ersetzt durch einen Gedanken der Dauerhaftigkeit. Ursache und Wirkung wurden vertauscht. Bis in die 1970er gab es durchaus andere Vorstellungen einer nachhaltigen Entwicklung. Die Idee einer \u201e\u00d6koentwicklung\u201c wurde bspw. durch ein Seminar von Umweltprogramm (UNEP) und der Konferenz \u00fcber Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCTAD) in Cocoyoc 1974 auf, das eine Schonung lokaler Ressourcen und eine daran gebundene Grundbed\u00fcrfnisorientierung forderte. Diese Idee hatte stark Bezug genommen auf die industriell bedingten Ursachen von Umweltzerst\u00f6rung, und hat diese um die f\u00fcr die heutige Diskussion zentralen Thesen des armutsbedingten Bev\u00f6lkerungswachstums (Mangel als dessen wesentliche Ursache) und der armutsbedingten Umweltzerst\u00f6rung (andauernde Armut zwingt zur Nutzung aller zur Verf\u00fcgung stehenden Ressourcen oder zur Landflucht) erg\u00e4nzt (4).<\/p>\n<p>Auch der an die Erkl\u00e4rung von Cocoyoc anschlie\u00dfende Dag-Hammerskj\u00f6ld-Bericht aus dem Jahr 1975 kritisierte das bestehende, auf \u201e\u00dcberkonsum\u201c aufbauende Leitbild nachholender Entwicklung und hob auch die Rolle von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen und globale Ungleichheit hervor. Die neuartige Idee einer \u201e\u00d6koentwicklung\u201c hatte also durchaus auch die \u201eFehlentwicklung\u201c der Industriel\u00e4nder thematisiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr das heute dominierende Konzept nachhaltiger Entwicklung des Brundtland-Berichtes spielen diese selbstkritischen \u00dcberlegungen nur noch eine untergeordnete Rolle. Aber die Entdeckung der Armut als Ursache von Umweltzerst\u00f6rung ist ins Zentrum nachhaltiger Entwicklungspolitik ger\u00fcckt. Armutsbek\u00e4mpfung und Umweltschutz bedingen sich gegenseitig. Doch wie bek\u00e4mpft man Armut in unserem Wirtschaftsmodell? Mit Wirtschaftswachstum.<\/p>\n<p>Dies ist, grob skizziert, der fundamentale Konflikt, der im Leitbild der nachhaltigen Entwicklung langsam vor sich hin k\u00f6chelt. Nachhaltigkeit ist nicht (mehr) ohne Bezug zu Wachstum denkbar, und dieses wiederum ist derzeit in globalem Ma\u00dfstab kaum ohne einen nicht-nachhaltigen Ressourcenverbrauch realisierbar. Daher dreht sich die aktuelle Nachhaltigkeitsdiskussion in der Regel um Effizienz und Produktionsbedingungen. Aus pragmatischer Sicht ist das richtig und begr\u00fc\u00dfenswert. Es ist die derzeit einzig realistische Option auf wirkliche Verbesserung. Gleichzeitig wird das zentrale Problem unserer Zeit aber umgangen: Unser Konsummodell. In Wien werden beispielweise trotz rasant gestiegener Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln nach wie vor t\u00e4glich so viele frische Lebensmittel weggeworfen, wie Graz zur Versorgung seiner Bev\u00f6lkerung br\u00e4uchte (6). Dem Thema Nachhaltigkeit und Konsum wird jedoch ein eigener Beitrag gewidmet werden.<\/p>\n<p>Im Konzept der nachhaltigen Entwicklung jedenfalls wurde die Natur wurde zur Umwelt, genau so wie der Wald zum Forst wurde: Sie hat ihren Eigenwert verloren und wird als Ressource reduziert auf ihren \u00f6konomischen Wert. Es soll nicht nachhaltig gewirtschaftet werden, um die Natur zu sch\u00fctzen, sondern Naturschutz ist n\u00f6tig, um ein dauerhaftes Wachstum zu erm\u00f6glichen (5). Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied, der verst\u00e4ndlich macht, warum beispielsweise das Kyoto-Protokoll lange von den USA als Wettbewerbsnachteil angesehen und abgelehnt wurde. Auf eine verbindliche internationale Klimapolitik wartet die Welt bis heute.<\/p>\n<p>Daher scheint die Definition von Joachim Heinrich Campe aus dem Jahr 1809 aktueller denn je: \u201eNachhalt: woran man sich h\u00e4lt, wenn alles andere nicht mehr h\u00e4lt\u201d.<\/p>\n<hr \/>\n<p>(1) Grober, Ulrich 2010: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffes, M\u00fcnchen: Antje Kunstmann.<br \/>\n(2) Hauff, Volker (Hg.) 1987: Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission f\u00fcr Umwelt und Entwicklung, Greven: Eggenkamp.<br \/>\n(3) Meadows, Dennis et al. 1973: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.<br \/>\n(4) Harborth, Hans-J\u00fcrgen 1993: Dauerhafte Entwicklung statt globaler Selbstzerst\u00f6rung. Eine Einf\u00fchrung in das Konzept des \u201eSustainable Development\u201c, Berlin: Edition Sigma.<br \/>\n(5) Sachs, Wolfgang 1999: Planet Dialectics. Explorations in Environment and Development, London: Zed Books.<br \/>\n(6) Wagenhofer, Erwin: We Feed The World, Allegrofilm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachhaltigkeit ist in aller Munde, kaum ein anderes Wort hat eine erfolgreichere Karriere vorzuweisen. Ob Graswurzelorganisationen, Parteien oder globale Gro\u00dfkonzerne: Alle beziehen sich gleicherma\u00dfen positiv auf dieses Konzept. Von A wie Autobahnen bis Z wie Zinsertr\u00e4ge von Geldanlagen, heutzutage ist alles nachhaltig. 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