Der eigene Horizont und das Brett vor’m Kopf – Ein Morgen in Burkina Faso

Burkina FasoNichts hilft mehr, den eigenen Horizont zu erweitern, als Reisen. Als Grenzen zwischen Ländern zu überschreiten, um die eigenen Grenzen kennen zu lernen. Sie zu ertasten, zu erfühlen, riechen und schmecken. Und zu überwinden. Den vermeintlichen Dualismus zwischen Heimat und Ferne, zwischem Vertrautem und Fremdem, haben die meisten Reisenden vermutlich nie wirklich verstanden. Viele sind daher auf der Suche nach Momenten, die eigenen Horizonts mit einem Schlag erweitern. Und sie zwingen, Selbstverständliches neu zu denken. Ich erinnere mich genau: Früh Morgens, auf einem Schulhof mitten in der westafrikanischen Steppe. Das war so ein Moment.

Es ist der erste Morgen nach meiner Ankunft in Névri, einem kleinen Dorf in Burkina Faso. Da stehe ich also auf der kleinen Beton-Veranda vor dem Klassenzimmer, in dem ich geschlafen habe, gerade frisch aus dem Schlafsack geschält. Die Zähne sind geputzt und mein Minzgeschmack-Lächeln wird fröhlich erwidert von einem Dutzend junger Schulkinder, die vor der Schule stehen und mich einfach nur anstarren, mich beobachten. Den Fremden. Ich winke. Bonjour, ca va? Großes Gekicher. Keiner versteht hier ein Wort Französisch, die Kinder sprechen Gurunsi oder Mossi. Egal, Freundlichkeit ist eine Weltsprache. Wie jeden Morgen nach dem Zähneputzen greife ich in meine Hosentasche und nehme meine Tube Sonnencreme in die Hand, drücke die weiße Flüssigkeit aus Ihr heraus und schmiere mich überall damit ein. Ich reibe sie in mein Gesicht, auf die Arme, Beine, den Nacken, auf die ganze Haut. Die westafrikanische Sonne ist gnadenlos, da will keine Stelle ungeschützt bleiben. Als ich wieder aufblicke, schaue ich in perplexe Gesichter mit heruntergeklappten Kinnladen und weit aufgerissenen Augen. Keiner lacht. Es sind Gesichter zwischen blankem Entsetzen und vollkommener Ratlosigkeit. Etwas verwundert und verunsichert, stehe ich da, wie eingefroren. Dann traut sich ein kleiner Junge nach vorne. Er lässt den Fußball fallen, den er sich unter den Arm geklemmt hat, fasst all seinen Mut, und geht etwas zögerlich auf mich zu. Einen Moment steht er vor mir und schaut noch einmal ganz genau hin. Dann berührt er meine Haut, erst zögerlich, doch dann beginnt er an ihr zu reiben. Nichts passiert. Er schaut mir in die Augen, fängt laut an zu lachen und rennt zurück zu den anderen Schulkindern. Das Gelächter ist groß.

Einen Moment muss ich ausgesehen haben wie der Esel, der mich beinahe nach dem Aufstehen vom Brunnen vertrieben hätte. Aber dann dämmert es mir. Da steht ein weißer Mann und schmiert sich von oben bis unten mit weißer Farbe ein. Ich beginne zu verstehen, dass vermutlich viele der Kinder gerade nicht nur zum ersten Mal aus nächster Nähe einen Weißen gesehen haben, sondern natürlich auch keine Sonnencreme kennen. Klar ist das lustig. Ich reibe ebenfalls an meiner Haut, um zu beweisen, dass die wirklich weiß ist, auch ohne weiße Farbe. Und weil wir gerade dabei sind, überprüfe ich lieber auch die Haut einiger Schulkinder.
Damit wäre das Thema Hauptfarbe bereits am ersten Morgen geklärt. Eigentlich ganz unkompliziert.

Burkinabe

Burkina Faso

Mehr Fotos aus Burkina Faso gibt es hier.