Gewichtsreduzierung der Outdoor-Ausrüstung – Sinn und Unsinn

Die Diskussionen um ultraleichte Ausrüstung beginnen in der Regel mit den immer gleichen Fragen: Luxus oder Leichtigkeit, Komfort oder kompakt? Diese Fragen sind jedoch irreführend und haben letztendlich nichts mit dem grundsätzlichen Gedanken einer Gewichtsreduzierung der Trekkingausrüstung zu tun. Denn die Grundidee ist: Leichtigkeit ist Luxus. Je kompakter die Ausrüstung, desto komfortabler die Tour.

Komfort und Luxus ist selbstverständlich höchst subjektiv und neben dem persönlichen Empfinden nicht zuletzt auch von der Länge und Art der Tour abhängig. Wenn ich nur eine Nacht auf die Wasserkuppe möchte, kann ich zur Not auch 20kg satteln. Wenn ich aber mehrere Wochen auf dem Kungsleden verbringen möchte, sieht das ganz anders aus. Am Anfang der Idee einer ultraleichten Ausrüstung seht daher eine von allen Geschmäckern nachvollziehbare Überlegung. Versucht wird, eine Spirale der Gewichtsreduzierung herbeizuführen. Das heißt, je leichter und kompakter die Ausrüstung, desto leichter kann das Tragesystem des Rucksacks sein. Ist der Rucksack insgesamt leichter, reicht dann oft auch eine leichtere und kompaktere Regenjacke, z.B. aus Gore-Tex Paclite-Shell anstatt einer robusteren Pro-Shell. Bei dieser speziellen Form des 2-Lagen-Laminats wird durch den Verzicht auf einen Futterstoff und die Verwendung besonders leichter Materialien aus Carbon Gewicht gespart, ohne dabei Kompromisse bei der Wasserdichtigkeit zu machen. Dieses Material ist dann zwar weniger abriebfest, durch einen leichteren Rucksack entsteht aber auch weniger intensive Reibung. Außerdem sind mit leichteren Rucksack auch leichtere Wanderschuhe eine Option. Das ist besonders wichtig, da für den Körper ein Gramm am Fuß fünf mal schwerer wiegt als ein Gramm am Rücken, im Rucksack.

GoLite PinnacleBeim Blick in aktuelle Kataloge oder Magazine fällt jedoch auf, dass nicht nur jedes zweite Produkt mittlerweile als ultraleicht, leicht, sehr leicht oder je nach Geschmack auch als extrem leicht beworben wird. Dann kommt es schon mal vor, dass der Deuter Air Contact 65 in einem bekannten Outdoor-Magazin als leichter Rucksack beschrieben wird. 2,8kg sind absolut gesehen vielleicht wenig, eine Aussage über das Gewicht der Ausrüstung ist aber nur in Relation zu anderen Modellen sinnvoll. Relativ gesehen ist ein Rucksack mit 2,8kg nicht leicht, schon gar nicht ultraleicht. Zum Vergleich: Der GoLite Pinnacle fasst bis zu 70 Liter und wiegt dabei nur 900g. Noch mehr Gewicht kann gespart werden, wenn das Rückenpolser des Rucksacks durch die eigene Isomatte und die Polsterung am Hüftgurt durch die eigene Unterwäsche ersetzt wird. Klar ist aber natürlich auch, dass das Gewicht per se nichts über die Qualität des Produkts aussagt.

An diesem Beispiel wird klar, warum die Idee ultraleichter Trekkingausrüstung vor allem aus der Weitwanderszene kommt, insbesondere aus den USA. Je länger die Tour, desto mehr addieren sich die täglichen Kilos, desto größer wird die körperliche Belastung. Für Weitwanderer die mehrere hundert, vielleicht sogar tausende Kilometer an einem Stück wandern möchten, bedeutet eine zu schwere Ausrüstung im schlimmsten Fall schlichtweg den Abbruch der Tour, weil der Körper zu streiken beginnt. Mit leichter Ausrüstung dagegen sind Tage mit 30 und mehr Kilometern zwar immer noch herausfordernd, aber bei weitem nicht so belastend für den Körper, und damit auch für den Geist. Vor diesem Hintergrund bekommt das Verlangen nach vermeintlich komfortabler oder luxuriöser Ausrüstung eine ganz andere Note: Eine Tour ist besser als keine Tour, da sind sich sicher alle einig. Ein weiterer Grund ist, dass die Outdoor-Branche in den USA ganz anders strukturiert ist als in Europa: “Hier gibt es eine Reihe von kleinen, aber erfolgreichen Herstellern, die mit innovativer Ausrüstung und persönlichem Service das bieten, was man sonst nirgendwo bekommt”, schreibt Stefan Dapprich von Trekking-Ultraleicht.de.

MSR E-Wing TarpDas alte Klischee von abgesägten Zahnbürsten ist damit zwar nicht grundsätzlich obsolet geworden, aber moderne leichte Trekkingausrüstung kann heute häufig das gleiche leisten wie vergleichbare schwerere Modelle. Oder mehr. Das gilt insbesondere für die in der Regel schwersten vier Gegenstände jeder Ausrüstung: Zelt, Isomatte, Rucksack und Schlafsack. Hier kann zwar am meisten gespart werden, der Sinn einer Gewichtsreduzierung der Trekkingausrüstung ist es aber ausdrücklich nicht, einen leichteren Schlafsack zu kaufen um dann doch das größere und schwerere Zelt mitzunehmen. Eine leichte Outdoor-Ausrüstung sollte gut aufeinander abgestimmt sein und sich ergänzen. Deswegen wird auf den entsprechenden Blogs (siehe unten) auch immer wieder darauf hingewiesen, dass der richtige Umgang mit ultraleichter Ausrüstung viel Erfahrung braucht. Eine konsequent ultraleichte Ausrüstung wiegt am Ende nicht mehr als sieben Kilo. Je nachdem, wo es hingeht. Den richtigen UL-Freaks ist das sogar noch zu viel. Ein Beispiel: Das im Bild zu sehende MSR E-Wing Tarp wiegt rund 500g. Das ZPacks Cuben Tarp wiegt hingegen nur 188g. Es ist aus Cuben Fibre hergestellt, einem extrem leichten Laminat aus Dyneema, Polyester und anderen Stoffen, das unter anderem beim Segeln oder im Flugzeugbau zum Einsatz kommt. Wem das zu sehr nach Raketenwissenschaft klingt, dem sei gesagt, dass es auch ganz allgemeine Faustregeln für die Reduzierung des Gewichts der Outdoor-Ausrüstung gibt. Bei Klamotten ist Kunstfaser besser als Naturfaser, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Denn die ist leichter und trocknet in der Regel schneller, was wiederum bedeutet, dass sie unkomplizierter zu waschen ist, was wiederum dazu führt, dass weniger Wechselwäsche mit auf Tour muss. Die positive Gewichtsspirale funktioniert also schon bei einfachen Dingen, wie man sieht. Beim Schlafsack ist es allerdings umgekehrt: Da ist die Daunenfüllung leichter als die Kunstfaserfüllung, trocknet aber schlechter.

Das meiste Gewicht wird aber immer noch bei den Sachen gespart, die zu Hause im Schrank bleiben. Man sollte sich selbstkritisch fragen, was wirklich mit muss. Das ist am Ende oft weniger, als man denkt. Erst danach sollte man in’s Detail gehen: Muss wirklich das Zelt mitgenommen werden, oder reicht ein Tarp? Muss der Schlafsack mit, oder komme ich auch mit Quilt zurecht? Brauche ich wirklich drei Paar Wechselwäsche, oder reicht nicht einfach jeweils ein Kleidungsstück zum wechseln? Oder noch konsequenter: Brauche ich einen richtigen Gaskocher, oder reicht auch der selfmade-Alkoholkocher aus einer halben Bierdose? Brauche ich die ganze Isomatte, oder lege ich meine Füße einfach auf den Rucksack? Irgendwo zwischen diesen Fragen verliert sich dann auch die Frage nach Sinn und Unsinn (ultra)leichter Outdoor-Ausrüstung, denn abgesehen von den Grundsätzlichkeiten ist sie vor allem eine der persönlichen Vorlieben. Ich persönlich wandere leicht, bewundere aber Anhänger ultraleichter Ausrüstung sehr. Nicht unbedingt, weil mich das Jagen nach dem letzten Gramm mitgerissen hat, sondern weil sie sich für ihre Leidenschaft nicht nur begeistern, sondern sie aktiv mitgestalten. Manchen Menschen reicht es, Wandern zu gehen. Andere aber nähen sich ihren Rucksack selbst und setzen sich so nicht nur Materialien, sondern auch mit ihrem Hobby und sich selbst intensiv auseinander. In der Ultraleicht-Szene gibt es kein “geht nicht”. Das ist es, was mich fasziniert. UL-Fans stehen für “DIY” (do it yourself), sie sind die Punks der Outdoor-Szene: Als anfangs kein Plattenlabel Punk-Musiker unter Vertrag nehmen wollte, haben diese einfach ihre eigenen Label gegründet und ihre Musik auf eigene Faust veröffentlicht. Heute schaffen es Punk-Bands regelmäßig in die Charts. Vor ein paar Jahren noch wurden auch die “Zahnbürstenabsäger” meist nur belächelt. Heute richtet sich eine ganze Industrie immer mehr nach Ihnen aus.

Mittlerweile gibt es in jedem Fall auch in Deutschland eine lebendige und erfolgreiche Ultraleicht-Szene. Carsten Jost bspw. arbeitet fleißig daran, einer der wenigen deutschen Triple-Crown-Thruhiker zu werden, also die drei großen US-amerikanischen Weitwanderwege zu bewältigen. Nach dem Appalachian Trail (3500km) und dem Pacific-Crest-Trail fehlt (4200km) ihm “nur” noch der Continental Divide Trail (5000km). Nachdem er seinen ersten Trip auf dem Pacific-Crest-Trail nach 1000km aufgrund einer Rückenverletzung abbrechen musste, ist er einer der Vordenker der deutschen Leichtwanderszene geworden, die beispielsweise mit dem Trekking-Lite-Store nicht nur einen auf leichte Ausrüstung spezialisierten Shop, sondern auch einer Reihe erfolgreicher Blogs hervorgebracht:

Zum Abschluss: Das Ultralight A-Z Intro von Hendrik Morel

6 Kommentare zu Gewichtsreduzierung der Outdoor-Ausrüstung – Sinn und Unsinn

  1. Basti says:

    Hej, Danke nochmal für’s Erwähnen in deinem Post!
    Ob jetzt aber wirklich alles “Punks” sind, oder nicht doch der ein oder andere Hippy dabei ist, der seinen Rucksack selber strickt und sein Tarp batikt ist eine ander Frage… ;-)
    Zumindest wirft Dein Bericht mal einen anderen, mehr objektiveren Blick auf die sonst als “Nerds” verschrienen Liebhaber des leichten Gepäcks. Find ich gut! Und die Liste sieht ja zumindest wirklich fast aus wie das who-is-who der deutschen UL-Szene…

  2. Fabian says:

    Hey Basti, kein Problem. Da mein Blog noch relativ jung ist, schreibe ich im Moment erstmal ein paar “einleitende” Artikel zu den Themen, mit denen ich mich langfristig auseinandersetzen werde. UL gehört da dazu.
    Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: “Punks” ist natürlich mit einem riesengroßen Zwinkersmiley gemeint. “DYI” (do it yourself) ist aber eine Idee, die in der Punk-Szene groß geworden ist. Ach, ich ergänze das einfach mal kurz im Artikel, um das klar zu stellen. ;)

  3. Jaddar says:

    Hey,
    schöner Artikel und ein toller Blog! Hier les ich jetzt öfter!
    Grüße
    Jaddar

  4. Carsten says:

    Ich les hier sehr gern mit und nicht nur, weil ich auch erwähnt wurde.

    Einfach ne Menge Artikel, die man mal in Ruhe lesen kann und ein
    bisschen über das ein oder andere zu sinieren.

    Weiter so, macht Spaß hier reinzuschaun.

    CU

    Carsten

  5. Fabian says:

    Hey Carsten, das freut mich zu lesen, danke! :)

  6. Wow, das ist echt ein super Artikel – ich bin begeistert! Ich sehe es auch so, dass gerade bei (Unter-) Tagestouren auf sehr viel Wanderausrüstung verzichtet werden kann, ohne wichtiges zu Hause zu lassen…ist mir persönlich viel lieber, als unnötig viel Gewicht mit mir rumzuschleppen.
    Ich wünsche gutes Wetter und sichere Pfade,
    Alles Gute

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