Umwelt- und Sozialstandards (1): bluesign®

Outdoor & NachhaltigkeitFür uns Outdoor-Enthusiasten lohnt es sich genauer hinzusehen – und mit unseren Kaufentscheidungen einen Beitrag für eine intakte Umwelt zu leisten. Denn während z.B. in der Lebensmittelbranche Fair Trade– oder Bio-Siegel etabliert sind und nachgefragt werden, zieht die Kundschaft der Outdoorbranche nur langsam nach. Das können wir ändern!

Gore-Tex ist eines der besten Beispiele für erfolgreiches Pull-Marketing der Outdoorbranche: Kunden fragen nicht das Produkt, sondern die Komponente nach – und machen diese für Produzenten somit interessanter, was zur weiteren erfolgreichen Verbreitung der Komponente führt. Doch was bei wasserdichten Membranen bereits funktioniert, klappt Bei Umwelt- und Sozialstandards noch nicht zufriedenstellend. Das ist schade, denn es passiert viel Gutes in diesem Bereich, und das Thema wird in der gesamten Branche immer wichtiger. In Sachen Qualitätsmanagement und Umweltstandards ist bluesign® das Paradebeispiel, über das es zu berichten lohnt.

Die Ausgangssituation war dabei lange denkbar ungünstig: Obwohl bspw. der Eco-Label-Index insgesamt über 400 verschiedenste Label und Indizes listet, kamen und kommen immer wieder gesundheitsschädliche Umweltskandale innerhalb der Textilbranche ans Licht der Öffentlichkeit. Zwischen 110 und 820g Chemikalien werden in einem kg Synthetik-Material verarbeitet. Bei Baumwolle sind es sogar zwischen 350 und 1500g Chemikalien pro verarbeitetem kg Baumwolle. Für ein kg Textilien werden darüber hinaus teilweise bis zu 700 Liter Frischwasser verbraucht. Der jährliche Wasserverbrauch einer großen Marke beläuft sich damit auf ungefähr auf 2000 kleine Seen (alle Angaben stammen aus dem Vortrag “Sustainabilty in the textile supply chain” von Sebastian Baumgartner, bluesign®)

Es ist zumindest zweifelhaft ob das teilweise recht undurchschaubare Nebeneinander von Gütesiegeln und den zusätzlichen Schadstoff-Indizes in Form von “Restricted Substances Lists” (RSL) Marken wie Nike, Levi’s, Colombia, REI, adidas oder Puma echtes Vertrauen beim Endverbraucher schaffen konnte. Mit dem Ziel die Textilindustrie langfristig in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern nimmt sich bluesign® diesem Problem an. bluesign® ist damit zwar vornehmlich ein Standard “aus der Textilindustrie für die Textilindustrie”, verdient aber dennoch mehr Aufmerksamkeit durch den Kunden – durch uns.

bluesign® – Der weltweit strengste Textilstandard

bluesign®, 1997 gegründet, ist der strengste Textilstandard für Umweltschutz, Verbraucherschutz und Arbeitsschutz weltweit. Er hebt sich von älteren Standards wie ÖkoTex 100 (1992) deutlich ab, da er nicht nur Schadstoffrückstände im Endprodukt, sondern die gesamte Wertschöpfungskette (also den Weg von der Faser zum Garn und zur Veredelung) mit Blick auf die fünf zentralen Aspekte Konsumentenschutz, Abwasser, Abluft, Arbeitssicherheit und Ressourcenproduktivität abdeckt. Insgesamt überwacht Bluesign über 600 verschiedene Gefahrenstoffe. So wird garantiert, dass Produkte in der gesamten Werschöpfungs- und Herstellungskette nur solche Materialien beinhalten und Produktionsweisen durchlaufen, die für Mensch und Natur ungefährlich sind. In der Outdoorbranche arbeitet bluesign mit Partnern wie Polartec, Patagonia, REI, Everest, The North Face oder VAUDE zusammen.

Nachhaltigkeit bedeutet bei bluesign® in erster Linie die Vorgabe, Produkte möglichst ressourceneffizient herzustellen und dabei einen strengen Blick auf die “End of Pipe”-Situation (alles, was sinnbildlich aus den Abwasserrohren der Fabriken in die Umwelt fließt) zu wahren. Die Erreichung einer bestmöglichen Ressourcenproduktivität, also die Bemühungen so wenig wie möglich Abfälle zu produzieren bzw. so viel von einer Ressource wie möglich zu nutzen, ist damit eines der zentralen Umweltziele von bluesign. Die Einhaltung der Richtlinien wird dabei durch ein Screening sichergestellt, bei dem der Produktionsstandort selbst und alle in ihm verwendeten chemischen Stoffe und Ressourcen unter die Lupe genommen und in einem normierten Bericht zusammengefasst werden. Dieser Bericht ermöglicht den Vergleich der in der Produktionsstätte verwendeten Technologie mit der “Best Available Technology” (der am besten zur Verfügung stehenden Technologie) in dieser Hinsicht zu vergleichen. Damit die Ergebnisse praxisrelevant und lösungsorientiert zu bleiben, werden bei diesem BAT-Prinzip immer die lokalen Rahmenbedingungen berücksichtigt.

bluesign® prüft darüber hinaus mit dem eigenen “Input Stream Managements” bereits die Entwicklungsphase eines Produktes auf die Unbedenklichkeiot der verwendeten Rohstoffe und deren bluesign-Konformität. Für die Überprüfung von Rohstoffen und Chemikalien hat bluesign eine Skala entwickelt. Diese reicht von “blue” (vollkommen unbedenklich für Mensch und Natur) über “grey” bis “black” (enthält verbotene oder indizierte Substanzen). Rohstoffe oder Chemikalien der Kategorie “grey” fallen im wahrsten Sinne des Wortes in eine gewisse Grauzone: Sie dürfen nur nach dem Grundsatz der “Best Available Technology” verarbeitet werden. Ihre Verarbeitung wird von Fall zu Fall genau geprüft, da sie unter bestimmten Produktionsumständen schädlich wirken können. Konkret bedeutet das, dass ein bluesign®-zertifiziertes Produkt durchaus Rohstoffen oder Chemikalien der Kategorie “grey” enthalten kann. Insbesondere bei Funktionsbekleidung ist das teilweise sogar unumgänglich.

Umweltstandards und die Outdoorbranche

Was die Einhaltung von derartigen Textilstandards für die gesamte Outdoorbranche für eine Herausforderung ist, zeigt ein Blick auf die unterschiedlichen Gesetzeslagen. Ein Produkt, das die gesetzlichen Vorgaben der Europäischen Gemeinschaft (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals; kurz REACh) erfüllt, kann gleichzeitig gegen deutsche Gesetze verstoßen. Denn REACh arbeitet, ganz grob betrachtet, mit Grenzwerten um die 100.000 ppm (Teilchen pro Millionen), die deutsche Gesetzgebung ist jedoch mit 30.000 ppm weitaus strenger (die Richtwerte unterscheiden sich natürlich in den verschiedenen Bereichen). Aber keine Hersteller produziert heutzutage nur in einem Land, was bedeutet, dass es neben der EG-Verordnung auch etliche nationale Standards zu beachten gilt.

Hier zeigt sich, was an bluesign® von anderen Umweltstandards unterscheidet: Der bluesign®-Standard deckt weltweit alle gesetzlich festgelegten nationalen Grenzwerte ab, und wählt in jedem Bereich jeweils den strengsten.

Gerade Outdoormarken stehen damit vor einer erheblichen Herausforderung: Funktionsbekleidung und insbesondere Ausrüstungsgegenstände wie Eispickel oder Rucksäcke zeichnen sich häufig durch die clevere und komplizierte Kombination verschiedenster komplexer Materialien aus. Je mehr unterschiedliche Materialien also in einem Produkt verarbeitet werden, desto schwieriger wird dessen Zertifizierung. bluesign® unterscheidet daher zwischen zwei Zertifikaten, die in Form von Hangtags an Produkten erkannt werden können:

“bluesign® approved fabric” bedeutet, dass mindestens 90% der textilen Fläche bluesign®-zertifiziert sein muss, die restlichen 10% dürfen keinen Hautkontakt haben und müssen die Kriterien der bluesign® Restricted Substance List einhalten.

“bluesign® approved product” wiederum bedeutet, dass 95% der textilen Fläche und zusätzlich 30% aller weiteren Materialien wie Reisverschlüsse und Knöpfe bluesign®-zertifiziert sein müssen, während alle anderen Materialien keinen Hautkontakt haben dürfen und die Kriterien der bluesign® Restricted Substance List einhalten müssen.

Umweltbewusste Outdoor-Kunden sollten genauer hinsehen

Dennoch hat es zum Beispiel VAUDE geschafft sowohl mit dem Daytour den ersten bluesign®-zertifizierten Rucksack der Welt herzustellen, als auch mit dem Blue One das erste bluesign®-zertifizierte Zelt auf den Markt zu bringen. Beides ist nicht nur wegen der Innovation besonders erwähnenswert, sondern auch weil beides Produktbereiche sind, bei denen eine Zertifizierung aufgrund der vielen unterschiedlichen verwendeten Materialien besonders schwierig zu erreichen ist. VAUDE ist gleichzeitig das erste europäische Outdoor-Unternehmen, dass schrittweise seine gesamte Produktion auf bluesign umstellt (siehe VAUDE Nachhaltigkeitsbericht). Die Obereisenbacher, die als die Öko-Trendsetter der Outdoorbranche gelten, sind seit 2008 bluesign®-Mitglied, haben aber schon 2001 ihre erste bluesign®-zertifizierte Wäsche-Kollektion auf den Markt gebracht. Eine Kundschaft, deren Hobby auf den Erhalt einer intakten Umwelt angewiesen ist, sollte hier genauer hinsehen.

Es muss sich einiges verändern in dieser Welt, und es muss schnell geschehen. Gütesiegel und Labels für Umwelt- und Sozialstandards sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, der die Unterstützung von den Konsumenten – von uns – gerade in der Outdoor-Branche verdient.

Natürlich ist bluesign® kein Label für soziale Arbeitsbedingungen (abgesehen von Arbeitssicherheit) und daher bspw. für die garantierte Zahlung von Existenzlöhnen, wie sie etwa in der Erklärung von Bern gefordert werden. Für diesen Bereich gibt es jedoch andere etablierte Labels. Hier spielt insbesondere die Fair Wear Foundation eine wesentliche Rolle. Beide werden sich in Zukunft (hoffentlich) branchenweit als Best Practices durchsetzen.

Achtet im Outdoor-Laden eures Vertrauens das nächste Mal doch einmal auf bluesign®-Hangtags an den Produkten, verschafft euch einen Überblick über das Angebot und fragt Verkäufer und Händler direkt nach Produkten mit Labels verschiedener Umwelt- und Sozialstandards. Wie wäre es also damit, beim nächsten Kauf einer Funktionsjacke nicht nur auf Wasserdichtigkeit und Atmungsaktivität, sondern auch nach Produktionsbedingungen zu achten? Und falls Händler mitlesen: Wie wäre es, im Geschäft eine gesonderte Ladenfläche, oder im Onlineshop eine extra Kategorie, speziell für nachgewiesenermaßen umweltfreundlich und sozial verantwortungsvoll hergestelle Produkte anzubieten?

Wie heißt es so schön bei den westafrikanischen Mandinka: “Viele kleine Leute an vielen kleinen Orte, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern”.

8 Kommentare zu Umwelt- und Sozialstandards (1): bluesign®

  1. Andreas says:

    Ein hervorragender Beitrag, Fabian!

    Die Quintessenz für mich ist, dass man als Hersteller zwei “Siegel-Linien” in Angriff nehmen muss: Einerseits die Richtung, wo es um Umweltstandards und Ressourcenschonung -> bluesign Programm. Andererseits gilt es, Unternehmen aus sozialer Sicht zu zertifizieren -> Erklärung von Bern, Fair Wear Foundation.

    Bei allen Rankings musste ich bislang allerdings feststellen, dass (noch) keines der Unternehmen auf beiden Schienen völlig sattelfest ist. Ist aber insofern auch (noch) nicht nötig oder möglich, weil wir ja auch von einem Prozess sprechen, also einer Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit in allen Bereichen.

    Der Teufel steckt halt leider wie zu oft im Detail: Wie kann ein Konsument wissen, ob ein Label Greenwashing ist oder die tatsächliche Ambition des Unternehmens widerspiegelt, sich mehr um nachhaltige Geschäftsgebaren zu kümmern.

    Beste Grüße aus dem Nomad Earth HQ in Graz,
    Andy

  2. Fabian says:

    Ja, einen Überblick zu bekommen ist da echt schwierig, vor allem weil hinter vielen Labels die aggressiv beworben und vermarktet werden oft nur mehr oder weniger (eher weniger) ernst zu nehmende Selbstkontrollen oder bloss absolut unzureichende Mindeststandards stecken.

    Und es stimmt natürlich, dass es ein Prozess ist. Ein sehr langwieriger Prozess. Aber nichtsdestotrotz darf man da nicht nachlassen. Die Kunden sollten proaktiv nach Zertifikaten fragen und in Kaufentscheidungen mit einbeziehen. Die Rolle der Händler und Marken ist leider nicht so einfach in Bezug zur öffentlichen Wahrnehmung. Die Fair Wear Foundation z.B. untersagt ihren Mitgliedern das Werben mit der Mitgliedschaft. Das ist richtig so und hat gute Gründe (mehr dazu in einem späteren, gesonderten Beitrag), aber für den Kunden ist es natürlich… naja, suboptimal.

    Aus diesem Grund habe ich vor, hier nach und nach die Best Practices, also die aus gutem Grund etablierten Label und Zertifikate, nach und nach vorzustellen. Gleichzeitig überlege ich, Markenportraits von Outdoor-Firmen zu erstellen. Wobei das immer schwierig ist, weil man da auf Unternehmens-interne Informationen angewiesen ist, die letztendlich teilweise aber kaum verifizierbar sind.

    Viele Grüße nach Graz,
    Fabian

  3. Andreas says:

    Find ich gut! Und auf die Artikel freu ich mich schon. Heute erst ist in der öst. Presse (orf.at) diesbezüglich wieder etwas veröffentlicht worden. Ich werde deinen Artikel auch bei uns auf Facebook ein wenig pushen versuchen. Wir sollten da stärker kooperieren. Da geht was ;)

    Wir sind gerade dabei, mit unterschiedlichen Partnern an (Content)-Konzepten zu arbeiten, wie wir mit dem Thema nächstes Jahr umgehen werden.

  4. Matthias says:

    Wahrscheinlich werden die Neider gleich wieder ähnliche Labels (“BlueWear, BlueDies, BlueDas”) erfinden, das diesem Label recht ähnlich sieht und Ihren Schrott wieder darunterstreuen, wie es dieses wertlose Label auf den Tetrapacs ist. Schade. Leider hat ein solches Label nicht die Macht, die Plagiate freizuhalten und dem Verbraucher und der Umwelt bringt es am Ende wieder recht wenig.
    Aber danke für den Beitrag, wenigstens habe ich was draus gelernt ;-)

  5. Fabian says:

    Und gerade weil es so zweifelhafte Labels wie z.B. die Rainforest-Alliance (ich vermute, dass du die meinst) gibt, ist es umso wichtiger, dass man darüber bescheid weiß und bewusst kauft. Grundsätzlich stimme ich dir aber unbedingt zu: Man kann “dem Markt” nicht die Lösung der Situation anvertrauen, irgendwelche freiwilligen Selbstkontrollen werden auch wieder aus der Mode kommen, wenn der Marketing-Effekt verpufft. Es braucht daher bindende, und ja: gesetzliche Regulierungen, die dem Markt vorgesetzt werden. Aber bis wir da sind, ist noch ein weiter Weg…

  6. Carla Hegedüs says:

    Hallo, im Rahmen meiner Bachelor Thesis, mit dem Titel “Corporate Social Responsibility in der Textilindustrie”, würde ich gerne als letzten Punkt Bluesign vorstellen, das als Exzellenz, bzw Vorbild diesen soll. Da ich mich gerne auf diesen Artikel beziehen würde, möchte wissen, wer ihn verfasst hat und ob es hinsichtlich der Nutzung einschränkungen gibt. Ich würde mich über eine baldige Antwort freuen.
    LG
    Carla

  7. Johnk596 says:

    Because here is a list of multiplayer games aeekdddccedd

  8. Johnb144 says:

    If you are going for best contents like myself, simply go to see this site all feckadfkdedg

Einen Kommentar schreiben

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.