Weltkarten und Weltbilder (1): Verkehrte Welt

Verkehrte WeltIch gehe eine Wette ein: Alle, die diesen Blog lesen, haben oder hatte eine Weltkarte an der Wand hängen und ertappen sich dabei, wie sie über ferne Länder an den Kartenrändern philosophieren. Auch bei mir hing so eine Karte an der Wand. Unser Weltbild wurde und wird entscheidend durch Weltkarten geprägt. Denkt man. Die Wahrheit ist, dass Weltbilder auch unsere Weltkarten prägen.

Wie das funktioniert kann man sich leicht vor Augen führen, indem man eine Weltkarte einfach umdreht. Auf der unten zu sehenden Hobo-Dyer-Projektion sieht die Welt irgendwie komisch aus, da ist alles voller Wasser in der Mitte, Europa ist plötzlich unten, nein, das kann nicht stimmen. Aber eine umgedrehte Weltkarte ist genauso korrekt wie jede andere auch. Die Welt ist eine Kugel, es gibt kein oben und kein unten. Wir assoziieren Norden mit “oben” und Süden mit “unten” nicht deshalb, weil es einfach so ist, sondern weil wir es uns auf den Karten so eingerichtet haben. Dass die Welt rund ist, wissen mittlerweile die meisten. Dass die Oberfläche einer runden 3D-Kugel aber nur verzerrt auf einer 2D-Fläche, auf einer Karte, dargestellt werden kann, wissen schon etwas weniger. Es kann beispielsweise entweder die Form oder die Größe der Kontinente korrekt dargestellt werden, aber nie beides. Und dass diese verzerrten Weltkarten hochgradig politisch sind ist wahrscheinlich nur den wenigsten wirklich bewusst.

Hobo-Doyer-Projektion

Die meisten Karten, die wir in den Nachrichten und in Lehrbüchern sehen, sind sogenannte Mercatorprojektionen. Sie gehen auf den Kartographen Gerhard Mecator zurück, der 1569 eine solche Karte zum Zwecke der Navigation auf See entwickelt hat. Entsprechend der damaligen Tradition der Kartenmacher wurde das Heimatland des Kartographen in die Mitte gesetzt. Mercator war Deutsch. Glück gehabt. Der große Vorteil der Mercatorprojektion ist, dass auf ihnr eine gerade Linie zur Navigation gezogen werden kann: Sie ist eine winkeltreue Abbildung der Erdoberfläche. Um dieses zu erreichen wird, grob gesagt, die Oberfläche der Erdkugel auf eine Zylinderform projiziert. Das aber hat zur Folge, dass die Karte zwar formtreu, gleichzeitig aber weder flächen- noch linientreu ist. Sie ist also insgesamt verzerrt, die Form der Kontinente stimmt jedoch. Heute kann man Mercatorkarten in jedem Buchladen kaufen, und auch Google Maps oder andere Online-Dienste greifen auf sie zurück:

Mercatorprojektion

Doch was hat das mit Politik, was haben Weltkarten mit Weltbildern zu tun? Eine erste Antwort auf diese Fragen liefert das sogenannte “Grönland-Problem”. Auf der Mercatorprojektion hat Grönland eine mit Afrika vergleichbare Größe. Tatsächlich aber ist Afrika 14-mal so groß wie Grönland. Übereinander geschoben würde Grönland Marokko, Algerien, Mauretanien und einen Teil Malis überdecken, also grob ein Drittel der Sahara. In Medien und Reiseliteratur wird sehr häufig von Afrika im Singular gesprochen. Dann ist von “afrikanischer” Kultur oder den “afrikanischen” Gegenbenheiten die Rede. Diese Verallgemeinerungen sind auch deswegen so weit verbreitet, weil viele gar nicht wissen, wie groß der Kontinent Afrika tatsächlich ist (so groß wie Zentraleuropa, die USA, Indien und China zusammen). Und wie unterschiedlich: Allein in Burkina Faso, zum Beispiel, leben ein halbes Dutzend unterschiedlicher Ethnien mit jeweils eigener Architektur, Sprache, usw. Insgesamt werden in dem westafrikanischen Land rund 60 Sprachen gesprochen. Aber auch Europa erscheint auf der Mercatorprojektion doppelt so groß wie Südamerika, hat aber nur die Hälfte der Landfläche. Sogar Skandinavien wirkt drei mal so groß wie Indien.

Der Grund dafür ist, dass die Mercatorprojektion Gebiete in Nähe zu den Polen stark vergrößert und Gebiete in Nähe zum Äquator stark verkleinert darstellt. Daher wird darüber hinaus, um Platz zu sparen, wiederum wird ein Teil der übergroß dargestellten Antarktis abgeschnitten. Das hat zur Folge, dass die nördliche Hemisphäre auf der Mercatorprojektion zwei Drittel der Kartenfläche einnimmt und die südliche Hemisphäre somit nur ein Drittel. Und hier kommt das Politische ins Spiel. Denn psychologische Studien zeigen, dass Menschen Wichtigkeit nicht nur mit Größe, sondern bei Darstellungen auch mit dem Zentrum assoziieren. Europa erscheint auf der Mercator-Weltkarte besonders wichtig, es ist vergrößert und in die Mitte der Welt gerückt. Auch der Norden insgesamt scheint wichtiger als der Süden, er ist mittiger und unverhältnismäßig größer. Somit rückte Europa nicht nur auf der, sondern auch durch die Mercator-Weltkarte ins Zentrum unseres Weltbildes.

Die Mercatorprojektion ist untrennbar verwoben mit dem kolonialen, eurozentrischen Weltbild. Sie hat sich Ende des 19. Jahrhunderts etabliert, in der Hochphase des europäischen Imperialismus, als sich die europäische Macht fast über den ganzen Planeten erstreckte. Wer die Macht hat, macht die Karten, um es mit den Worten des Geographen John Brian Harley zu sagen. Heute spricht man in Bezug zu Industrie- und Entwicklungsländern häufig vom “Nord-Süd-Konflikt”. Auch hier begegnet uns das alte Symbol vom gesellschaftlichen “oben” und “unten” und allen damit verbundenen Assoziationen wieder. Daher überrascht es wenig, dass die erste flächentreue Karte erst 1973, dreihundert Jahre nach Mercator, veröffentlicht wurde: Durch die Peterprojektion wird eine flächentreue Weltkarte möglich. Selbstverständlich ist auch sie verzerrt, formverzerrt um genau zu sein, aber die Größenverhältnisse der Kontinente werden korrekt dargestellt. Sie wird bis heute hauptsächlich von Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit wie UNICEF oder UNESCO popularisiert, und Willy Brandt machte sie 1977 zum Wahrzeichen seiner Nord-Süd-Kommission für Internationale Entwicklungsfragen.

Petersprojektion

Einen ähnlichen Eurozentrismus gibt es auch in der Topographie. Dort werden höher gelegene Gebiete in der Regel dunkler (meist braun), tiefer liegende Gebiete heller (meist grün) eingefärbt. Diese Farbgebung wird in Atlanten selbstverständlich auf die ganze Welt übertragen. Dabei stimmt sie nur für Europa. In Teilen Afrika beispielsweise ist es häufig genau umgekehrt, in Gebirgen gibt es üppige Vegetation und es ist es grün, das Tiefland aber ist Ödland. Die Peterprojektion löst dieses Problem, indem sie veränderte Helligkeit für Höhenunterschiede und die verschiedenen Farben für Vegetationsunterschiede nutzt.

Wer also gern beim Anblick einer Weltkarte über die Ränder der Welt philosophiert, sollte nicht vergessen, dass ihre Macher auch über die Welt philosophierten. Eine Weltkarte sagt genauso viel über ihre Kartographen, wie die Kartographen über die Welt sagen können.

Am besten man kauft einfach einen Globus.